Sport : "Der Chef hat gewonnen"

Hartmut Scherzer

Der große Gretzky hat es geschafft. Wie einst Franz Beckenbauer dem deutschen Fußball hat Wayne Gretzky als Teamchef dem Eishockey Kanadas Glanz und Gloria zurückgebracht. Nach 50 Jahren. Die Stimme bebte immer noch ein bisschen, als Gretzky vom "neuen Stolz Kanadas" schwärmte. "Wir mussten dieses Gold gewinnen", sagte der beste Eishockeyspieler aller Zeiten. Vor zwei Jahren hatte Gretzky den Job des Team-Managers übernommen und die Profis auf diese nationale Aufgabe eingeschworen. "Es war ein weiter und beschwerlicher Weg. Jetzt spüre ich eine Mischung aus Erleichterung, Freude und Stolz." Der 5:2-Sieg im Endspiel über die USA war hochverdient, hatte Kanada doch mit Kapitän Mario Lemieux und dem intelligenten Instinktspieler Joe Sakic die überragenden Persönlichkeiten auf dem Eis.

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Rückblick: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen Die Amerikaner waren tief enttäuscht. Das Wunder von Lake Placid ließ sich nicht wiederholen, auch wenn wie vor 22 Jahren Herb Brooks (64) als "head coach" hinter der Bande Regie führte. "Die Kanadier waren heute besser. Kanada musste dieses Spiel unbedingt gewinnen, denn Eishockey ist das einzige Spiel, das dieses Land außer Curling beherrscht", spottete US-Kapitän Chris Chelios. Schon im Frauen-Finale hatte Kanada die USA bezwungen. Das dritte kanadische Gold bei diesen Winterspielen holte das Männer-Team im Curling.

Einst hatte Kanada die olympischen Turniere mit College Teams wie den Edmonton Mercurys, den letzten Olympiasiegern 1952, oder den Royal Canadian Air Force Flyers (1948) beherrscht. Sechsmal in sieben olympischen Turnieren zwischen 1920 und 1952 erbeutete Kanada Gold. Dann kamen die Russen und dominierten das Eishockey. Weder kanadische Nationalmannschaften noch erstmals in Nagano die NHL-Profis mit dem bereits 37 Jahre alten Wayne Gretzky konnten an die glorreiche Vergangenheit anknüpfen. 1998 reichte es für die NHL-Stars aus Nordamerika nicht einmal zu einer Medaille. Vor vier Jahren hatten die nordamerikanischen Cracks die olympische Unterbrechung der NHL noch als eine herrliche Gaudi betrachtet und sich fürchterlich blamiert.

Das war diesmal anders. "Seit wir im letzten August erstmals zusammenkamen, hatten wir nur dieses Gold im Kopf", sagte Lemieux. Sie hatten begriffen, dass es in der kurzen NHL-Pause um olympische Ehre und nationales Prestige und nicht zur Abwechslung um ein lockeres Spaßturnier geht. "Das kanadische Volk hat diese Goldmedaille von uns verlangt, und wir sind stolz, dass wir sie für unser Land und unsere Leute gewonnen haben", sagte Lemieux und erklärte den Sieg pathetisch und patriotisch zum nationalen Vermächtnis.

Dieser Lemieux ist eigentlich eine noch schillerndere Figur als Gretzky. Zweimal hatte der Stürmerstar seine Karriere bereits beendet, einmal, als er von der Hodkins-Krankheit befallen wurde, einem krebsartigen Leiden. Seit seiner Heilung engagiert er sich für die Krebsforschung, spendete zu diesem Zweck vor einem Jahr fünf Millionen Dollar dem Medical Center in Pittsburgh. 1999 kaufte der kanadische Superstar und Multimillionär seinen Klub, die Pittsburgh Pinguins. Vor 14 Monaten kehrte der Besitzer nach dreieihalbjähriger Abwesenheit selbst noch einmal aufs Eis zurück. Was für ein nun goldgekröntes Comeback. Einer seiner angestellten Coaches bei den Pinguins ist Herb Brook. "Der Chef hat gewonnen, wie es sich gehört. Vielleicht gibt er mir jetzt eine Gehaltserhöhung", sagte der geschlagene US-Coach.

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