Sport : Der Chef macht Tempo

Aufsteiger Duisburg setzt auf Konterfußball

Roland Leroi[Duisburg]

Wer hat das Sagen im Verein? Nichts geht ohne Walter Hellmich. Der 61-jährige Vorsitzende, gestern für weitere drei Jahre im Amt bestätigt, ist nicht nur Repräsentant seines Vereins, auch Marketing, Interviews, Spielereinkäufe, Stadionbau und Vertragsverhandlungen sind für ihn Chefsache. Nebenbei leitet Hellmich eine Baufirma mit über 1000 Angestellten. „Es fällt schwer, dem Tempo unseres Bosses immer zu folgen“, sagt Trainer Norbert Meier, der zumindest in sportlicher Hinsicht uneingeschränkt das Sagen hat. „Das kann der Trainer besser als ich“, vermutet Hellmich.

Was hat sich verbessert? Die vor einem halben Jahr fertig gestellte neue MSV- Arena für 32 000 Zuschauer hat Bundesliga-Format. Für die Mannschaft allerdings, die den Klassenerhalt schaffen soll, wurden zumeist Spieler geholt, die aus der vorigen Saison keine großen Erfolgserlebnisse nachweisen können. Möhrle (Rostock), Willi (Freiburg) oder Rietpietsch (Oberhausen) stiegen gerade mit ihren Vereinen ab, Tjikuzu wurde in Rostock gar suspendiert. Weil aber die Mischung entscheidend ist, der MSV keinen Leistungsträger verlor und mit Klemen Lavric aus Dresden noch einen Torjäger hinzubekam, hat das Team eher an Niveau gewonnen.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Trotz großer Widerstände aus dem Fan- und Sponsorenbereich stand Hellmich auch in Zeiten des Misserfolgs hinter seinem Trainer Norbert Meier und verlängerte dessen Vertrag ohne Not bis 2007. „Meier ist der beste Trainer der Welt, den lasse ich nie mehr weg“, pflegt Hellmich zu sagen. Nur wenn der MSV einen Fehlstart hinlegen sollte und die Chancen auf den Klassenerhalt dramatisch schwinden, würde Hellmich wohl neu überlegen.

Welche Taktik ist zu erwarten? Norbert Meier, der als akribischer Fußball-Analytiker gilt, hat sich bereits festgelegt, in der Bundesliga betont defensiv antreten zu lassen. Konter sollen die Tore bringen. „Nach den vielen Siegen in der Zweiten Liga müssen wir uns umgewöhnen. Die Spieler werden nicht mehr so viele Räume bekommen“, glaubt Meier, der ein 4-5-1-System anstrebt. Die Flügelspieler sollen bei Ballbesitz Tempo machen. Deshalb wurde bei den Transfers darauf geachtet, dass Spieler wie Willi, Rietpietsch und Michalke vor allem schnell sind.

Welche Platzierung ist möglich? Auch wenn der Vorsitzende Hellmich davon träumt, langfristig „mit Schalke 04 auf Augenhöhe zu gelangen“, zählt erst einmal nur der Klassenerhalt. Platz 15 ist in jedem Fall drin; die Mannschaft wirkt als harmonische Einheit, die neben allen kämpferischen Qualitäten auch Fußball spielen kann. 1996, als der MSV Duisburg unter ähnlichen Vorraussetzungen das vorletzte Mal aufstieg, reichte es am Ende immerhin zum neunten Rang.

Wer sind die Stars? Weil Dirk Lottner langsam aus der Mode kommt, hat Georg Koch den Starstatus inne. Der Torwart, den MSV-Chef Hellmich einst an einer Fischbude in Berlin kennen lernte und sofort verpflichtete, gilt als Mann des Volkes und Aufstiegsaspirant. An ihn reicht nur Stürmer Abdelaziz Ahanfouf ran. Der Marokkaner ist nicht nur Liebling der weiblichen Duisburger Fußballfans, sondern obendrein im Strafraum unberechenbar. Koch und Ahanfouf wurde als einzigen Duisburgern die Ehre zu teil, dass ihr Konterfei auf eigene Fan-Schals gestrickt wurde.

Wer hat noch Chancen auf die WM? Seinen letzten deutschen A-Nationalspieler stellte der MSV Duisburg 1980, als Bernard Dietz den DFB zur Europameisterschaft führte. Bis zur WM 2006 dürfte diese Liste nicht aktualisiert werden. Für das Finale 2010 in Südafrika könnte aber Alexander Meyer ein Thema werden. Der 21-jährige Defensivspieler bewies schon in der Zweiten Liga seine Fähigkeiten, spielte forsch und mit Biss und zeigte jene Eigenschaften, die Jürgen Klinsmann so schätzt.

Wie sind die Fans? Das Duisburger Publikum gilt als extrem kritisch. Es wurde mit dem Bau der Arena und dem zeitgleichen Wiederaufstieg aber erst einmal halbwegs ruhig gestellt. Mehr als 11 000 Dauerkarten, so viele wie noch nie in der 103-jährigen Vereinsgeschichte, wurden verkauft – in Duisburg herrscht Euphorie pur.

Morgen: 1. FC Köln

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