Sport : Der Chefassistent

Juri Schlünz schien bei Hansa Rostock der ewige Kotrainer zu sein – jetzt ist er in führender Position erfolgreich

Friedhard Teuffel

Rostock. Juri Schlünz trägt an diesem Tag eine dunkelblaue Jeansjacke. Das ist deshalb bemerkenswert, weil es in der Fußball-Bundesliga eigentlich nur zwei Arten von Trainern gibt: Trainingsanzugstrainer und Anzugstrainer. Die einen haben immer einen Trainingsanzug an, ganz gleich, ob sie gerade mit ihren Spielern üben, mit der Mannschaft auf Auswärtsfahrt gehen oder in der Geschäftsstelle eines Sponsors Autogramme schreiben. Die anderen haben allenfalls auf dem Trainingsgelände etwas Sportliches an und laufen danach sofort wieder in Schlips und Kragen herum. Diese Kleiderordnung bringt Juri Schlünz durcheinander, und auch sonst hat er Verwirrung gestiftet.

Juri Schlünz hat dem FC Hansa leidenschaftliches Fußballspielen beigebracht, ausgerechnet er, der zurückhaltende, etwas spröde Rostocker. Er hat den Spielern Selbstvertrauen gegeben, obwohl er selbst ein wenig unsicher wirkt. Nach dem zehnten Spieltag lag Hansa mit fünf Punkten auf dem letzten Platz. Jetzt hat der Klub dreißig Punkte und ist Neunter.

Bevor er bei einer Pressekonferenz etwas über die Aussichten seiner Mannschaft für das heutige Auswärtsspiel beim FC Bayern München erzählen soll, hat Juri Schlünz noch Zeit, um grundsätzlicher zu werden. Zu diesem Gespräch hat er sich als Begleitung eine Flasche Mineralwasser ausgesucht, nicht etwa ein Mobiltelefon oder einen bedeutsam klimpernden Schlüsselbund. Sein erster Satz lautet: „Cheftrainer zu sein ist nicht so einfach. Man muss viel mehr Entscheidungen treffen als ein Kotrainer.“ Der Vergleich mit dem Assistenztrainer fällt oft, denn es schien eine Zeit lang, als sei Juri Schlünz schon als Kotrainer auf die Welt gekommen. Sechs Jahre hat er an der Seite der Rostocker Cheftrainer gearbeitet, und als ihn die Klubführung zweimal fragte, ob er denn nicht selber Chef werden wolle, hat er dankend abgelehnt. Zweimal sprang er für jeweils zwei Spiele als Interimstrainer ein. Von diesen vier Spielen ging keines verloren. Doch auch das konnte ihn nicht überzeugen. „Ich war gerne Kotrainer, und ich musste nicht nur die Hütchen aufstellen. Die Arbeit des Kotrainers wird sowieso unterschätzt.“

Schlünz war bei Hansa das, was ein beamteter Staatssekretär in einem Ministerium ist. Er organisierte die Geschäfte, plante und führte aus. Die großen Linien entwarf und verkündete ein anderer. Weil Schlünz dabei so loyal gegenüber dem Verein war und selber keine Ansprüche anmeldete, blieb er auch bei Regierungswechseln Kotrainer.

Das Wagnis, Cheftrainer zu werden, ist er in jener Zeit aus seltsamen Gründen nicht eingegangen. „Ich hatte gedacht: Was wäre, wenn irgendwelche Jugendlichen einmal ein Plakat aufhängen, auf dem steht: Schlünz raus!“ Das wäre ihm wohl damals zu nahe gegangen, weil er schon so lange im Verein ist, 35 Jahre inzwischen, und auch so zufrieden war als Kotrainer. Seine Bedenken hören sich untypisch an für den Fußballsport, in dem harte, coole und ehrgeizige Kerle gefeiert werden und sensible verspottet.

Seine Genügsamkeit hat der 42 Jahre alte Schlünz schließlich doch überwunden, als der FC Hansa in dieser Saison den schlechtesten Start hinlegte, seitdem der Klub in der Bundesliga spielt. Trainer Armin Veh hatte den Verein auf einmal verlassen, nicht in erster Linie wegen der Erfolglosigkeit, sondern weil er vor allem Heimweh nach Augsburg hatte. Das waren zu viele Gefühle auf einmal beim FC Hansa, da hätte Schlünz nicht auch noch aus Angst zum dritten Mal das Angebot für den Posten des Cheftrainers ablehnen können.

Als Schlünz gleich die ersten Spiele verlor, musste er sich große Bedenken anhören. Er wirke nicht wie einer, der eine Mannschaft vor dem Abstieg bewahren könne. Schlünz sagt dazu: „Ich bin nicht ruhig und zurückhaltend. Ich zappele nur nicht vor der Kamera herum.“ Im Pokalspiel gegen Hertha BSC Ende Oktober schien der FC Hansa weiterzumachen mit seinen schwachen Leistungen. Doch nach zwanzig unterklassigen Minuten, besann sich die Mannschaft auf einmal ihrer guten spielerischen und technischen Fähigkeiten. Das Spiel ging zwar im Elfmeterschießen verloren, und doch war es die Wende zum Erfolg. Seitdem haben die Rostocker nur gegen Bremen und Stuttgart verloren. „Das Potenzial hatte die Mannschaft schon vorher, wir haben nur ein paar gute Entscheidungen getroffen“, sagt Schlünz. Er nahm wieder die beiden erfahrenen Spieler René Rydlewicz und Ronald Maul in die Mannschaft und machte den Schweden Joakim Persson zum Abwehrchef. Außerdem gab er dem jungen Uwe Möhrle in der Abwehr eine Chance.

Mit diesen Änderungen allein wird Schlünz der Mannschaft jedoch nicht zu diesen Leistungssprüngen verholfen haben. Schlünz ist es vor allem gelungen, eine besondere Atmosphäre zu schaffen, eine unaufgeregte und dennoch engagierte nämlich. Die Mannschaft nimmt ihm wohl deshalb so viel ab, weil er ihr so authentisch vorkommt. 328 Spiele hat er für den FC Hansa in der DDR-Oberliga und in der Bundesliga bestritten und dabei 63 Tore erzielt.

Seine Glaubwürdigkeit stieg mit jedem Jahr, das er als Kotrainer arbeitete. Er scheint sich auch nicht anzubiedern. „Ich habe kein kumpelhaftes Verhältnis zur Mannschaft.“ Seine Kollegen von der Geschäftsstelle des Klubs hat er gebeten, ihm sofort mitzuteilen, wenn sie Veränderungen an ihm feststellen sollten. „Bisher hat das noch keiner getan“, sagt er. Und wenn, dann wird es ihm vermutlich sehr weh tun, weil er doch genauso sein will wie alle anderen auch beim FC Hansa. Ein bisschen ist Juri Schlünz schließlich immer noch Kotrainer.

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