• Der Chefcoach sieht optimistisch in die Zukunft - und ist westlich-dekadentem Sponsoring schon längst nicht mehr abhold

Sport : Der Chefcoach sieht optimistisch in die Zukunft - und ist westlich-dekadentem Sponsoring schon längst nicht mehr abhold

Andreas Frank

Leonid Arkajew verschlug es die Sprache. Der erfolgreichste Kunstturn-Trainer aller Zeiten war nach der Deklassierung seiner Schützlinge durch den alten und neuen Weltmeister China stumm wie ein Fisch. Traurig verfolgte er die Siegerehrung, bei der 10 000 Zuschauer den Sportpalast in ein rotes Fahnenmeer verwandelten. Die Zeiten, wo rote Flaggen zu Ehren russischer Riegen geschwenkt und aufgezogen wurden, scheinen für lange Zeiten vorbei zu sein. Es war der vierte WM-Triumph der Asiaten hintereinander, und es war der deutlichste. Nur bei Olympia 1996 in Atlanta konnte die Arkajew-Truppe, seinerzeit noch mit dem mittlerweile in Deutschland eingebürgerten Sergej Scharkow, das Team aus dem Reich der Mitte noch ein Mal besiegen.

"Es passte alles zusammen", sagte Chinas Chefcoach Yubin Huang und meinte damit die nahezu fehlerfreie Leistung, das Wohlwollen der Kampfrichter und ein fanatisches Publikum, das jeden simplen Handstand wie ein gelungenes Super-E-Teil feierte, bei Weltklasseübungen der Russen oder der drittplatzierten Weißrussen aber geradezu auf den Händen saß. Doch der Vorsprung der alten und neuen Champions war mit mehr als zwei Punkten so groß, dass sie an jedem Ort der Welt gewonnen hätten.

Das neue Turnjahrtausend wird, wenn man Huang glauben darf, von seinen Athleten geprägt sein. "Unser Reservoir an Talenten ist unerschöpflich. Früher haben wir nicht so konsequent gesucht, wie es nötig gewesen wäre, jetzt entgeht uns kein begabter Turner mehr", erklärte der Chinese den sportlichen Aufschwung. An den nationalen Meisterschaften nehmen jährlich rund 120 Gerätartisten teil, jeder von ihnen könnte bei Weltmeisterschaften starten, ohne negativ aufzufallen. Eine Mannschaft aus der alten Sowjetunion könnte den Chinesen vielleicht Paroli bieten, aber die Aufsplitterung in verschiedene Länder zu Beginn dieses Jahrzehnts hat den Aufschwung der Athleten aus dem Reich der Mitte, die erst seit 20 Jahren international präsent sind, zusätzlich beschleunigt. Wurden noch in den achtziger Jahren ausländische Trainer als Gastdozenten nach Peking eingeladen, arbeiten mittlerweile mehrere Turnlehrer über die ganze Welt verstreut - mit größtem Erfolg.

Chinesen waren es beispielsweise, die die Grundlage für den sensationellen Aufschwung des Frauenturnens in Australien schufen. Die Mädchen vom Fünften Kontinent belegten in Tianjin einen nie erwarteten fünften Platz, noch vor Olympiasieger USA.

Und mittlerweile hat man im einstigen Kaiserreich erkannt, dass Sponsoren kein kapitalistisches Teufelszeug, sondern im modernen Sport überlebenswichtig sind. "Die Chinesen turnen schon lange nicht mehr für ein warmes Abendessen, sondern verhandeln knallhart mit potenziellen Geschäftspartnern", sagt Deutschlands ehemaliger Reck-Weltmeister Eberhard Gienger. So hatte der Schweizer Uhrenproduzent Longines das erfolgreiche Sextett schon vor der erfolgreichen Titelverteidigung als Werbepartner unter Vertrag genommen.

Das große Vorbild in Sachen Vermarktung ist Li Ning. Der erste chinesische Kunstturn-Star und mehrfache Olympiasieger ist Chef einer Sportartikelfirma, die seinen Namen trägt und die in China gegen härteste ausländische Konkurrenz die Marktführerschaft behauptet hat. Auch seine erfolgreichen Landsleute turnen selbstverständlich in "Li Ning".

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