Sport : Der Coolste Europas

Christian Reif war schon fast ausgeschieden, da verblüffte der Weitspringer mit einem Satz auf 8,47 Meter. Er holte das vierte Gold für Deutschland

Klaus-Eckhard Jost[Barcelona]

Dieser Typ ruht in sich. Zweimal war Christian Reif bereits in die Sandgrube gehüpft, doch noch immer lag er auf Platz zehn. Wenn er nun nicht mindestens fünf Zentimeter weiter springen würde, wäre der Wettkampf für den derzeit Führenden der europäischen Bestenliste beendet. Doch der Ludwigshafener strotzt vor Selbstbewusstsein. Kein Sprung kann das besser verdeutlichen als der, den er nun abliefert: Als wäre es das Leichteste der Welt, fliegt Christian Reif plötzlich 8,47 Meter weit. So weit, wie der 25-Jährige noch nie gesprungen ist. So weit, wie in diesem Jahr noch kein Weitspringer weltweit gesprungen ist. Natürlich springt er damit an die Spitze der Konkurrenz.

„Ich war heute ganz gelassen vor dem dritten Versuch“, erzählte er später, „weil ich wusste, dass ich es kann. Und wegen dem dritten Versuch vor zwei Tagen.“ In der Qualifikation hatte es der Sportstudent nämlich schon einmal so spannend gemacht. Am Freitag war er bei den ersten beiden Sprüngen übergetreten, das Aus in der Qualifikation drohte. Es ging um alles oder nichts. Christian Reif entschied sich für alles. 8,27 Meter, das war schon am Freitag die größte Weite. Und es war auch damals bereits seine persönliche Bestleistung. Diese Erfahrung gab ihm nun am Sonntagabend offenbar die nötige Ruhe, noch einmal einen weiten Satz zu springen. Und was für einen.

„Eine Goldmedaille ist generell ein Hammer“, jubelte Reif, nachdem er von einer unendlich langen Ehrenrunde zurückgekommen war, „aber mit der Weite ist sie sensationell.“ Auf einmal ist sogar mal wieder die Rede vom Deutschen Rekord. Den hält Lutz Dombrowski mit 8,54 Metern. Erzielt bei seinem Olympiasieg 1980 in Moskau. Zum Uraltrekord sind es nicht mehr viele Zentimeter, stellt ein Journalist fest. „Nö“, sagt Reif, „sieben.“ Dieses Selbstbewusstsein hat Christian Reif schon immer besessen. Allerdings konnte er nur selten zeigen, was in ihm steckt. Häufig war er verletzt. „Seit ich bei Uli Knapp trainiere, bin ich weniger verletzt. Ich denke nicht einmal daran, dass es passieren könnte“, sagt Reif.

Auch außerhalb der Weitsprunggrube hat der 1,96 Meter große Athlet alles auf Erfolg programmiert. Denn nicht nur wegen Verletzungen musste er Rückschläge einstecken. Bei der WM 2007 war er in der Qualifikation 8,19 Meter weit gesprungen, machte sich schon Hoffnungen. Doch dann verpasste er als Neunter mit 7,95 Metern den Endkampf. Er musste also handeln. „Ich habe auch schon mit einem Psychologen gearbeitet, damit ich nicht zu viel nach den anderen Springern schaue“, erzählt er. Denn eigentlich, so hat er in einem Gespräch philosophiert, sei Weitsprung eine Disziplin, in der Taktik keine große Rolle spiele. „Ich muss nur weit springen.“ So einfach ist das.

Mit dieser Lockerheit setzte Christian Reif am Sonntag den erfolgreichen Schlusspunkt einer EM, die mit vielen Enttäuschungen für das deutsche Team begann und schließlich mit vier goldenen, sechs silbernen und sechs bronzenen Medaillen äußerst erfolgreich endete. An die Coolness von Christian Reif aber kommt im deutschen Team niemand heran.

0 Kommentare

Neuester Kommentar