Sport : Der Cottbuser in Herthas Trikot

Pal Dardai ist ein bisschen so wie der heutige Gegner der Berliner: Er überzeugt vor allem als Kämpfer

Stefan Hermanns

Berlin - Pal Dardai ist ein echter Familienmensch, doch bis zum vergangenen Wochenende hat er zu Hause ein bisschen leiden müssen. Sein Sohn Pal berührte immer wieder einen wunden Punkt, regelmäßig löcherte er seinen Vater, wann er denn endlich mal wieder ein Tor für Hertha BSC schieße. Fast zwei Jahre waren vergangen, seitdem Dardai senior zum letzten Mal für den Berliner Fußball-Bundesligisten getroffen hatte. „Zu Hause hatte ich zuletzt viel Druck“, sagt der Ungar, zumal sein Sohn in seiner Mannschaft Woche für Woche erfolgreich war. Am vergangenen Wochenende hat der Vater seine familieninternen Kritiker endlich zum Schweigen gebracht. Beim 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach erzielte Dardai das zwischenzeitliche 2:0. Alles ist wieder gut, auch zu Hause.

Im Verein sowieso. Die Berliner sind Tabellenführer, und Dardai, der in neun Tagen 33 wird, hat sich doch noch einmal einen Stammplatz in der Mannschaft erkämpft. Wie so oft, seitdem er 1997, kurz vor Herthas Aufstieg in die Bundesliga, aus Budapest nach Berlin gekommen ist. Bei Hertha gibt es so etwas wie Dardais Gesetz: Die Berliner haben einen Kader von ungefähr 25 Spielern – und am Ende spielt immer Pal Dardai. Egal ob der Trainer Röber, Götz, Meyer oder Favre heißt. Auch in dieser Saison war das wieder so. Bis zum sechsten Spieltag hatte Dardai kein einziges Spiel für Hertha bestritten, seit dem zehnten fehlte er nur zweimal, wegen einer Knieverletzung. „Pal ist ein Kämpfer vor dem Herrn“, hat Manager Dieter Hoeneß bei der Mitgliederversammlung über den Ungarn gesagt, „ein Mann mit Charakter, einer, dem kein Weg zu weit ist, ein echter Teamplayer.“ Dardai ist sozusagen das personifizierte Energie Cottbus in Herthas Mannschaft.

Auf 258 Bundesligaspiele kommt der Ungar bisher, in der kommenden Saison könnte er Michael Sziedat (280) als Rekordspieler bei Hertha ablösen. „Mein biologisches Alter liegt ungefähr bei 27“, sagt der Ungar, „also kann ich noch ein paar Jahre spielen.“ Am liebsten bei Hertha, auch wenn der Vertrag im Sommer ausläuft. Die Verlängerung aber ist nur noch Formsache. Wenn Dardai in dieser Saison 25 Pflichtspiele bestreitet, läuft der Vertrag automatisch ein Jahr weiter. „Im Moment gibt es keinen Handlungsbedarf“, sagt Hoeneß. Auch Dardai sieht die Sache recht entspannt. Gespräche mit dem Verein habe er bisher noch nicht geführt, doch allzu große Schwierigkeiten erwartet Dardai nicht: „Bei mir geht es nicht ums Geld.“

Noch vor einem Jahr war der Ungar ungleich skeptischer, was seine Zukunft bei Hertha anging. Die 25 Spiele für die Vertragsverlängerung, die schaffe er doch nie, hat er damals im kleinen Kreis erzählt. Seine Befürchtung schien sich zu bestätigen. In der Rückrunde der vorigen Saison spielte Dardai nur einmal von Anfang an, am ersten Spieltag, bei der lausigen Niederlage gegen Eintracht Frankfurt. Für Dardais Revier, das defensive Mittelfeld, kamen erst Gojko Kacar, ein junger dynamischer Antreiber, und dann im Sommer der geschmeidige Brasilianer Cicero. Doch auch sie schafften es nicht, Dardais Gesetz außer Kraft zu setzen.

Heute bei Energie Cottbus wird Dardai wieder versuchen, mit Cicero die Mitte dicht zu machen. „Er ist ein Mann, auf den man sich verlassen kann“, sagt Manager Hoeneß. „Er hilft der Mannschaft mit seiner Einstellung.“ Dardai wird dagegenhalten, seine Mitspieler antreiben und sich nicht einschüchtern lassen, weder von raubeinigen Cottbusern noch von der blamablen Bilanz gegen den Angstgegner aus der Lausitz. Man könnte sich sogar vorstellen, dass Dardai, der Kämpfer, sich ganz besonders auf diesen Nachmittag freut, der im Zeichen des Kampfes stehen wird. Nein, sagt er. „Cottbus war immer ein Albtraum. Eigentlich müssen wir Angst haben.“

Auf jeden Fall wird er seiner Vertragsverlängerung heute im Stadion der Freundschaft wieder ein Spiel näherkommen, aber so denkt Dardai nicht: „Ich zähle nicht“, sonst würde er sich vielleicht zurückhalten, um sich nicht zu verletzen. „Ein Jahr kriege ich sowieso“, sagt Pal Dardai. Notfalls spiele er auch bei Herthas Amateuren. Zu ihrem Schaden wäre es mit Sicherheit nicht.

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