Sport : Der Dauerläufer

Wolfgang Paech war bei allen 25-Kilometer-Rennen in Berlin dabei – heute startet er wieder

Katrin Schulze

Berlin - Es ist dieser eine Moment, der alle Strapazen vergessen lässt. Wenn Wolfgang Paech durch das Marathontor im Olympiastadion läuft, durchlebt er dieses einzigartige Gefühl jedes Mal aufs Neue. Eine Mischung aus Freude und Ehrfurcht. Schon vor 27 Jahren war das so. Als sie ihn als 179. von 3250 Läufern im Stadion namentlich begrüßten, konnte er seine Tränen nicht mehr verbergen. „So überwältigend ist es, als kleiner Mann in dieses riesige Stadion zu rennen“, sagt Paech. Zum 28. Mal wird der 1,69 Meter große Mann heute am Berliner 25-Kilometer-Lauf teilnehmen. Keine einzige der bislang 27 Ausgaben des Traditionsrennens hat er verpasst, es ist sein Rennen in seiner Stadt.

Paech erinnert sich noch gut an den ersten Lauf über diese Distanz am 3. Mai 1981, denn „das war schon etwas Außergewöhnliches“. Cityläufe kannten die Deutschen damals nicht. Dass Straßen für Läufer gesperrt wurden, war der deutschen Bevölkerung nur aus Großbritannien oder Nordamerika bekannt, wo die Laufbewegung für große Begeisterung sorgte. Auf Initiative der französischen Besatzungsmächte sollten nun auch die Berliner ein solches Spektakel miterleben: Die von der deutschen Polizei anfangs mit Skepsis betrachteten „25 km de Berlin“ entwickelten sich zur größten Laufveranstaltung Deutschlands. „Es war ein richtiges Volksfest mit Musik, Tanz und Unterhaltung“, sagt Paech. „Die Fallschirmspringer über dem Olympiastadion haben jede Menge Menschen angezogen.“

Den Höhepunkt erlebte das Rennen rund ein halbes Jahr nach dem Mauerfall, als sich 14 300 Läufer aus aller Welt durch die Stadt schlängelten. „Danach zerbrach viel an der Bürokratie der Deutschen und an ihrer Knauserei“, sagt der 68 Jahre alte Berliner mit belegter Stimme. Paech erzählt von seinem Rennen wie von einem kaputt gegangenen Lieblingsspielzeug. So großes Interesse wie 1990 konnten die 25 Kilometer von Berlin seither nie wieder auf sich ziehen. Dass sich daran künftig etwas Gravierendes ändern wird, glaubt Paech nicht, weil „einfach zu wenig investiert wird“. Bei anderen Rennen gäbe es viel bessere Möglichkeiten. Paech spricht aus Erfahrung. Seitdem er 1964 seinen ersten Lauf bestritten hat, fasziniert ihn der Sport. Neben dem 25-Kilometer-Rennen ist er schon 28 Mal beim Berlin-Marathon gestartet. Dazu zweimal in Hamburg, London, einmal in Boston und dreimal beim New York-Marathon. Paech ist ehrgeizig, aber er scheut auch nicht davor, sein Wissen an andere Laufbegeisterte weiterzugeben. Vor sieben Jahren gründete er zusammen mit Bernd Hübner eine Laufgruppe, die sich immer sonntags trifft. „Mit meinem Kumpels ein bis zwei Stunden laufen zu können, ist meine Motivation und es zwingt mich, zusätzlich auch noch dienstags und donnerstags im Mommsenstadion zu trainieren“, sagt Paech. Denn nur so bleibt er in Form und kann die Anderen mitziehen. So wie er es beim New York-Marathon getan hat, als er „voller Stolz“ 36 Läufer ins Ziel brachte. „Die Leute da hin zu führen, war harte Arbeit. Aber die Anerkennung, die mir danach zuteil wurde, war es wert“, sagt Paech.

Der 68-Jährige geht mittlerweile darin auf, seine Laufbegeisterung auf junge Menschen zu übertragen. Er selbst muss langsam seinem Alter Tribut zollen. Obwohl er alles dafür geben würde, noch einmal seine Bestzeit von 1:40 Stunden über die 25 Kilometer Distanz zu laufen, „habe ich eingesehen, dass es nicht mehr so schnell geht wie früher“, sagt der Berliner. Trotzdem wird Paech als einer von über 7000 Teilnehmern heute um 10 Uhr zum 28. Mal die 25 Kilometer in Angriff nehmen – diesmal nicht mit der Startnummer 447, sondern mit der 1923. Und dieses Jahr ist noch etwas anders: Wenn Wolfgang Paech nach gut zwei Stunden von der Jesse-Owens-Allee auf das Marathontor zusteuert, wird er das gelbe T-Shirt seines ersten 25-Kilometer-Laufs tragen. Als Zeichen der Erinnerung an die Anfänge eines Traditionsrennens – und seinen ganz persönlichen Moment.

siehe auch Seite 13

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