Sport : Der Deisler-Effekt

Hertha gewinnt auch ohne Marcelinho, weil dann jeder Spieler ein bisschen mehr tut – vor allem Alex Alves

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Berlin. Im Rollkragenpullover saß Marcelinho am Sonntag auf der Tribüne. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, es nieselte. Marcelinho, der Spielmacher des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, kennt dieses Bild nicht, von oben aus der Perspektive des Zuschauers. Marcelinho stand 42 Bundesligaspiele hintereinander auf dem Platz, ohne eines zu verpassen. Gegen Hansa Rostock nun war er wegen seiner fünften Gelben Karte gesperrt. Da fragten sich die Fans, wie das bitte schön gehen soll, so ganz ohne Marcelinho, ohne den Spielmacher?

Es ging. Und es ging sogar gut. Hertha schlug Hansa Rostock 3:1. Nach dem Abpfiff sagte Manndecker Marko Rehmer, dass „es ein Anreiz war zu zeigen, dass wir auch ohne ihn Fußball spielen können“. Rehmer wirkte genervt, und wenn man sich in die Situation der Spieler versetzt, kann man ihn auch verstehen. Seit Wochen wird der Mannschaft nachgesagt, dass sie nur guten Fußball spiele, wenn auch Marcelinho gut spiele. Wenn also Marcelinho wie am Sonntag nicht auf dem Platz steht, dann hätte Hertha nach dieser Theorie gegen Hansa untergehen müssen. Manager Dieter Hoeneß sagt: „Das ist Personenkult.“

Ein wenig erinnert die Geschichte an die vergangene Saison – und an Sebastian Deisler. Er war Herthas fußballerisch wichtigster Mann. Über ihn liefen die Angriffe, er musste flanken und schießen und grätschen, und Deisler war die größte Hoffnung, wenn die Mannschaft hinten lag. Diese Abhängigkeit kann den Spielfluss hemmen. Als sich Deisler dann am Knie verletzte und monatelang ausfiel, blühte die Mannschaft auf. Es standen plötzlich andere in der Pflicht. Es ist ein bisschen so wie bei einem Platzverweis: dass zehn Leute plötzlich einen Schritt mehr laufen, um den Ausfall zu kompensieren.

Gegen Rostock war dieser Deisler-Effekt bei Hertha wieder zu beobachten. Marcelinho hatte bislang fünf Tore erzielt, so viele wie kein anderer Berliner. Am Sonntag saß der torgefährlichste Spieler auf der Tribüne, und Hertha schaffte den höchsten Saisonsieg. Als Stefan Beinlich, der Marcelinhos zentrale Position im Mittelfeld eingenommen hatte, nach einer Stunde ausgewechselt wurde, standen die Fans auf, klatschten und riefen seinen Namen. Beinlich war das fast ein bisschen peinlich. Er hob immer wieder den Arm, grüßte und bedankte sich. Und jedes Mal wenn er seinen Arm hob, riefen Fans erneut. Minutenlang ging das so.

Natürlich ist Marcelinho nicht aus der Mannschaft wegzudenken. Wenn der Brasilianer schwach spielt, hat Hertha Probleme, ihn zu ersetzen. Das liegt nicht nur an seiner Stärke, auch an seiner Position. Marcelinhos Kollegen mussten gegen Rostock diese Lücke füllen. So ist es fast symptomatisch, dass ein Verteidiger wie Arne Friedrich das dritte Tor erzielen konnte. In der Statistik des Rostock-Spiels taucht mit Stürmer Alex Alves nur ein einziger Spieler auf, der mehr als einmal auf Hansas Tor geschossen hat.

Die Diskussion um Marcelinho geht Manager Hoeneß zu weit. „Wir haben intern nie über seinen Ausfall gesprochen“, sagt der Manager. „Wir sind froh, dass wir viele Alternativen haben.“ Er ist der Meinung, „dass ein Bart Goor genauso gut spielt, wenn Marcelinho dabei ist. Der hemmt die Spieler nicht. Wir haben den Beweis dafür angetreten.“

Routinierte Spieler wie Bart Goor sind nicht das Problem. Aber anderen Spielern dürfte Trainer Huub Stevens jenes „Selbstverständnis“ (Hoeneß) eingebläut haben, damit sie nicht irgendwann glauben, sie seien wirklich zwei Klassen schlechter ohne Marcelinho. Jetzt sagt Stevens: „Wir haben bewiesen, dass wir Tore schießen können – auch ohne bestimmte Spieler. Ich bestreite ohnehin, dass wir von bestimmten Spielern abhängig sind.“

Von dieser neuen Erkenntnis wird auch Marcelinho profitieren. Wenn Hertha am nächsten Sonnabend in Hannover spielt, werden die Kollegen nicht mehr krampfhaft nur ihn suchen. Sie haben bewiesen, dass sie seinen Ausfall verkraften. Marcelinho weiß, dass er auch mal ein, zwei Minuten verschnaufen darf. Ganz ohne ihn aber können sie wohl auch nicht. Als Alex Alves das 2:0 erzielt hatte, zeigte er mit dem Finger zur Tribüne. Dort oben saß er: Marcelinho.

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