Sport : „Der deutsche Sport muss in Berlin Flagge zeigen“

Der Regierende Bürgermeister Wowereit kritisiert die Verbände, will eine neue Olympia-Bewerbung und mag die blaue Laufbahn

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Herr Wowereit, was bedeutet die Farbe blau für Sie?

Ich trage gerne blaue Kleidung, denn die Farbe macht Freude. Rot steht für die Liebe, grün für die Hoffnung, und blau heißt für mich: Ich fühle mich wohl.

Beim Istaf laufen erstmals Sprinter über die blaue Tartanbahn im Olympiastadion. Was passiert danach mit der Bahn?

Nichts. Sie bleibt blau.

Und wer soll sie benutzen?

Wir haben uns gegen ein reines Fußballstadion entschieden, und die Akzeptanz wächst. Das Olympiastadion soll für viele Dinge stehen: Konzerte, Turnfeste, Leichtathletik. Es gibt das Istaf, auch nationale Meisterschaften sollen hier stattfinden. Leichtathletik ist populär, aber Berlin hat ein Publikum, das Spitzenleistungen sehen will. Deshalb bewerben wir uns ja um die Leichtathletik-WM 2009.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen für die WM ein? Nennen Sie eine Prozentzahl.

Das wäre drei Monate vor der Wahl fatal. Wir halten uns mit vorschnellem Jubel zurück. Bei der letzten Bewerbung sind wir kurz vorm Ziel gescheitert, vor allem wegen Störfeuern aus den eigenen Reihen.

Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Man muss sich rechtzeitig kümmern. Und man muss exzellente Bedingungen bieten – wie wir mit unserem Stadion.

Gibt es etwas, das Ihnen am Olympiastadion nicht gefällt?

Ich saß beim Fußball-Länderspiel gegen Brasilien auf der Ehrentribüne, habe aber leider nicht alles gesehen. Ein Geländer war im Weg, und ich sah nur einen Ausschnitt des Spielfelds – wie beim Fernsehen. Das wird aber sicher noch geändert.

Was muss sich noch ändern bis zur Fußball-WM 2006?

Die Laufbahn wird während des Turniers grün gemacht, das verlangt der Weltverband Fifa. Auch soll es einen Sicherheitsring ums Stadion geben, Sponsorendörfer und vieles mehr. Ich muss gestehen, dass für mich bestimmte Vorschriften manchmal schwer nachvollziehbar sind.

Zum Beispiel?

Die Frage des Ticketsystems, das für die WM errichtet werden muss, unabhängig von vorhandenen Systemen, erschließt sich mir nicht recht. Aber darauf haben wir keinen Einfluss. Es gibt wenig Möglichkeiten, sich dem nicht zu unterwerfen und die Kosten dafür nicht zu tragen.

Haben Sie einen Wunsch für das WM-Eröffnungsfest im Berliner Olympiastadion?

Ich bin dafür nicht verantwortlich, sondern der Künstler André Heller im Auftrag der Kulturstiftung. Aber ich wünsche mir schon, dass dokumentiert wird, was Berlin ausmacht: eine Stadt, die international ist, tolerant. Eine Stadt, in der Sport und Kultur keine Gegensätze sind.

Eine Stadt, in der irgendwann auch wieder Olympische Spiele stattfinden?

Gerne. Wir haben alle Voraussetzungen für eine gute Olympiastadt: die Sportstätten, die Hotels, die Verkehrswege.

Wann bewerben Sie sich?

So bald wie möglich. Wenn nächstes Jahr über die Spiele 2012 entschieden wird, werden wir neu diskutieren. Falls New York gewinnt, sieht es für 2016 gut aus für eine europäische Stadt. Dann steht Berlin bereit. Falls aber Europa den Zuschlag erhält, sind wir 2016 wohl ohne Chance. Trotzdem könnten wir uns bewerben.

Warum das denn?

Um schon einmal die Sportstadt Berlin bei den Entscheidungsträgern darzustellen. Damit wir 2020 eine echte Chance haben. Athen hat auch mehrere Anläufe gebraucht. Allerdings würden wir das nur tun, wenn es ein nationales Bündnis aus Sport und Politik gibt, die den deutschen Bewerber rückhaltlos unterstützt.

Hamburg will auch die Spiele.

Wir müssen aus Leipzigs gescheiterter Kandidatur lernen. Ich finde es nicht mehr vertretbar, dass es eine nationale Auswahl gibt aus jenen Städten, die die Spiele wollen. In so einem Wettstreit werden zu viele Ressourcen vernichtet, zu viele Befindlichkeiten geweckt. Das Nationale Olympische Komitee muss klar sagen, welche Stadt eine internationale Chance hat. Wenn das NOK aufgrund einer internationalen Analyse meint, dass das Hamburg wäre, soll es sich für Hamburg entscheiden. Ich sehe für Berlin da natürlich die besseren Chancen.

Ist der deutsche Sport in der Lage, Olympische Spiele nach Deutschland zu holen?

Es fällt im Augenblick schwer, daran zu glauben. Ich habe den Eindruck, dass der deutsche Sport großen Nachholbedarf hat, seinen internationalen Einfluss zu stärken. Wir haben jahrelang auf einem hohen Ross gesessen. Heute sind wir zu wenig in internationalen Gremien vertreten. Bei entscheidenden Fragen haben wir nur eine Stimme – wie Nigeria oder Litauen. Wir müssen uns anstrengen, die internationale Lobbyarbeit für den Sportstandort Deutschland zu verbessern.

Wie sieht denn Ihre Lobbyarbeit für den Sportstandort Berlin aus?

Wir haben dem NOK einen Umzug in die Hauptstadt angeboten. Es ist aber leider in Frankfurt am Main geblieben.

Vielleicht wird es bald einen gemeinsamen Sportverband geben.

Der Sport muss heute in Berlin Flagge zeigen. Er hat hier direkten Kontakt zu den politischen Entscheidungsträgern und zur gesellschaftlichen Elite. Als früher Bonn die Hauptstadt war, konnte man in Frankfurt sitzen. Ich kann nur sagen: Wenn es einen neuen Sportverband gibt, würden wir ihm ein neues Angebot machen, damit er nach Berlin kommt.

Das Gespräch führte Robert Ide.

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