Sport : Der Dicke und das Chamäleon

Trotz zweier Problemkinder zählen die New England Patriots vor dem Start in der NFL zu den Favoriten

von
Kampf der Kolosse. New Englands Albert Haynesworth (links) sieht sich zwei Spielern der New York Giants gegenüber. Foto: Reuters
Kampf der Kolosse. New Englands Albert Haynesworth (links) sieht sich zwei Spielern der New York Giants gegenüber. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Berlin - Eine von vielen Eigenschaften des Footballspielers Chad Ochocinco ist, dass er stets eine Überraschung parat hat. So auch bei seiner offiziellen Vorstellung als Spieler der New England Patriots. Bevor sich der neue Passempfänger den Fragen der Journalisten stellte, fragte er die sichtlich verdutzte Meute zuerst nach einer Gruppenumarmung. Ochocinco hatte die Lacher vor den laufenden TV-Kameras auf seiner Seite, der Start in New England war ihm geglückt. Nun muss der Wide Receiver nur noch auf dem Spielfeld überzeugen.

In der Nacht zum Freitag beginnt mit dem Spiel von Meister Green Bay Packers gegen Vorjahressieger New Orleans Saints (2 Uhr, live bei ESPN America) in den USA die neue Saison in der National Football League (NFL). Beide Mannschaften gehören auch in dieser Saison zum Favoritenkreis – genau wie Ochocincos Patriots. Der Klub aus der Region New England zählt seit einem Jahrzehnt stets zu den Anwärtern auf den Super Bowl, aber in diesem Jahr ist einiges ungewiss. Vor dem ersten Spiel am Montag in Miami weiß niemand so recht, was von der Mannschaft von Trainer Bill Belichick zu erwarten ist. Grund dafür ist Belichicks Personalpolitik in diesem Sommer. Kaum war der monatelange Arbeitskampf zwischen der Spielergewerkschaft und den Klubbesitzern beendet und die Austragung der Spielzeit gesichert, da verpflichteten die Patriots mit Chad Ochocinco und Albert Haynesworth gleich zwei Stars des American Football. Einziges Problem: In der NFL gibt es kaum Profis, die so schwer zu handhaben sind wie diese beiden.

Ochocinco und Haynesworth können den Unterschied ausmachen – im Positiven wie im Negativen. Früher, als Ochocinco noch Johnson mit Nachnamen hieß und sich nicht nach der spanischen Version seiner Rückennummer 85 benannte, gewann er für die Cincinnati Bengals entweder Spiele allein oder sorgte mit seinen Eskapaden dafür, dass sie untergingen. Einmal überreichte Ochocinco einem Schiedsrichter während des Spiels eine Dollarnote, sie sollte dem Unparteiischen die Entscheidung zu seinen Gunsten erleichtern. In Folge wurde so ziemlich jede strittige Szene gegen die Bengals ausgelegt. Für die Aktion bekam der 33-Jährige von der Liga eine Strafe über mehrere tausend US-Dollar auferlegt. Im Laufe seiner zehnjährigen NFL-Karriere musste Ochocinco so oft bei den Regelhütern vorstellig werden, dass er Liga-Boss Roger Goodell in seinen zahllosen Mitteilungen über den Nachrichtendienst Twitter inzwischen mit „Dad“ anredet.

Im Gegensatz zu Albert Haynesworth ist Ochocinco aber fast noch pflegeleicht. „Fat Albert“, wie der 150 Kilogramm schwere Koloss auch genannt wird, war mal einer der besten Verteidiger der Liga, bis er bei den Washington Redskins einen Vertrag über 100 Millionen US-Dollar unterzeichnete und fortan seinem Spitznamen alle Ehre machte. Haynesworth schwänzte die Übungseinheiten, legte sich mit den Trainern an und fiel durch so ziemlich jeden Fitnesstest – von seinen ständigen Konflikten mit dem Gesetz ganz zu schweigen. Im Juli hatten die Redskins endgültig genug von Haynesworth und gaben ihn für ein Fünftrundendraftrecht 2013 ab.

Die schwierigen Charaktere von Haynesworth und Ochocinco sind ligaweit bekannt. Umso überraschender ist, dass beide trotzdem in New England landeten. Patriots-Trainer Bill Belichick bevorzugt eigentlich eine andere Art von Spieler: ruhig, lernwillig und zurückhaltend. Etwa so wie Sebastian Vollmer, der auch in dieser Saison als einziger Deutscher in der NFL für die Patriots spielen wird.

Warum Belichick es trotzdem mit Haynesworth und Ochocinco versucht und die teaminterne Harmonie gefährdet? New England hat den einstigen Ruf der Unbesiegbarkeit in den vergangenen Jahren verloren. Seit der Saison 2007 hat der Super-Bowl-Sieger von 2001, 2003 und 2004 kein Play-Off-Spiel mehr gewonnen. Damals gewannen die Patriots alle ihrer 16 regulären Saisonspiele – das hatte bis dahin kein Team geschafft. Im Super Bowl unterlag man aber sensationell den New York Giants.

„Ich denke, jeder Spieler in diesem Team hat seine eigene Persönlichkeit, niemand von uns ist gleich, und das ist eine gute Sache“, sagt Bill Belichick. Auch wenn er einen anderen Spielertyp bevorzugt, hat New Englands Coach wie bei Randy Moss schon bewiesen, dass er auch mit schwierigeren Typen umgehen kann. Einzige Bedingung: Jeder hat sich an seine Regeln zu halten. Als Moss einmal in sein altes Verhaltensmuster zurückfiel und sich beschwerte, war er kurz darauf kein Patriot mehr. Chad Ochocinco weiß das und sagt: „Es ist hier einfach für mich. Ich bin ein Chamäleon und kann mich der Art der Patriots anpassen.“ Dann wandte er sich wieder an die Journalisten: „Es wird also ein bisschen ruhiger um mich werden.“ Bill Belichick wird das gern hören.

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben