• Der Dopingtest ist nicht unfehlbar. Und Dieter Baumann? Das weiß man noch nicht. Nandrolon kann jedenfalls auch der Körper produzieren (Kommentar)

Sport : Der Dopingtest ist nicht unfehlbar. Und Dieter Baumann? Das weiß man noch nicht. Nandrolon kann jedenfalls auch der Körper produzieren (Kommentar)

Aleander S. Kekulé

Keiner hat so vehement gegen Doping gekämpft wie Dieter Baumann. Wann immer die Ehre des Leistungssports verteidigt werden mußte, war der saubere Superman zur Stelle, um verzweifelte Minister zu beraten und drogentriefende Bösewichter von der Tartanbahn zu verjagen. Doch jetzt wurde bei einem Routine-Test das altbekannte Doping-Mittel Nandrolon im Urin des 5000-Meter-Siegers von Barcelona nachgewiesen. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband steht fest: Gold-Baumann ist in Wahrheit Drogen-Dieter.

Tatsächlich wirken die vorgelegten Beweise hart wie Kryptonit. Nandrolon (19-Nor-Testosteron) ist eine künstlich hergestellte Abart des männlichen Sexualhormons Testosteron. Die Hormonforscher haben einen kleinen Teil (die Methylgruppe in Position 19) aus dem Testosteron-Molekül entfernt, was zu einer Steigerung des muskelaufbauenden (anabolen) Effektes und zu einer Verringerung unerwünschter Nebenwirkungen wie Blutverfettung, übermäßigem Haarwuchs oder Leberschäden führte.

Nandrolon, nach seinem Handelsnamen Deca-Durabolin "Deca" genannt, gehörte seit den 80er Jahren zu den beliebtesten Aufbaumitteln der Leichtathletik-Szene. Die wohltuende chemische Veränderung ist es aber auch, die den Nachweis von Nandrolon so unanfechtbar macht. Für die Abspaltung der Position 19 gibt es nämlich nach gängiger Lehrmeinung im menschlichen Körper keinen Stoffwechselweg. Der Nachweis des verstümmelten Synthetik-Hormons oder seines Abbauproduktes, 19-Nor-Androsteron (19-NA), gilt daher als sicherer Beweis für sportliche Verfehlungen. Um Messfehler auszuschließen, wird der Test erst ab einem Wert von 2 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) als positiv gewertet.

Merkwürdig nur, dass zuletzt gerade die alten Hasen auf das Zaubermittel reinfielen, das bis zu zwölf Monate nach der Einnahme nachweisbar ist: Die zweifache 200-Meter-Weltweisterin Merlene Ottey (39) aus Jamaika, der tschechische Tennisspieler Petr Korda (30), der englische Sprint-Olympiasieger Linford Christie (39) - und Dieter Baumann (34). Alle bestritten das Doping heftig.

Neueste Erkenntnisse lassen Zweifel an der Unfehlbarkeit des Dopingtests aufkommen. Das Dogma, Nandrolon könne im normalen Organismus nicht vorkommen, wurde Anfang des Jahres durch zwei französische Studien widerlegt. Bei mehr als der Hälfte von insgesamt 70 gesunden Männern wurde das Abbauprodukt 19-NA im Urin nachgewiesen, Konzentrationen bis zu 0,6 ng/ml wurden gefunden. Dieser Wert ließ sich, so die Autoren, durch körperliche Anstrengung auf das zwei- bis vierfache steigern. Damit wäre die von den Leichtathletik-Verbänden festgelegte Doping-Grenze von 2 ng/ml theoretisch überschritten.

Inoffiziell wird in den medizinischen Beratergremien bereits eine Änderung des Testverfahrens diskutiert. Möglich wäre zum Beispiel eine bei der Kontrolle von Schlachtvieh übliche Methode, die durch Vergleich mehrerer Abbauprodukte zwischen aufgenommenem und körpereigenem Hormon unterscheidet. Ob sich damit die Ehre von Gold-Baumann wieder herstellen lässt? Die bei ihm gefundenen 20 ng/ml liegen weit über den bei Normalpersonen vorkommenden Werten. Dies könnte nur durch eine genetische Besonderheit erklärt werden. Oder eben doch durch eine - bewusste oder unbewusste - Hormoneinnahme. Versteckte Quellen für Nandrolon gibt es durchaus. Seit die EU Östrogen aus der Rinderzucht verbannt hat, gehört das Kunst-Hormon zu den geeigneten Ersatzdrogen. Für kriminelle Tierzüchter ist es über den Schwarzmarkt aus Fabriken in Indien, Griechenland oder Bulgarien leicht zu beschaffen.

Weniger verschlungen sind die Vertriebswege US-amerikanischer Fitness-Pillen, die per Internet auch bei uns frei erhältlich sind. Neben Vitaminen, Aminosäuren und Mineralien enthalten einige der Aufbaukombinationen auch Vorstufen von Nandrolon. Eine Dosierungsangabe ist nicht erforderlich, da Nahrungs-Ergänzungsstoffe nicht unter das US-Arzneimittelgesetz fallen. So erklärt sich auch die Beobachtung amerikanischer Doping-Labore, aus welcher Gruppe die höchsten 19-NA-Werte über 100 ng/ml stammen: High-School-Studenten, die sich mit vermeintlich harmlosen Aufbaumitteln für den Schulsport fit machen wollten.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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