Sport : Der doppelte Nerventest

Der Kugelstoßer Ralf Bartels demonstriert auch nach dem aufregenden Gewinn der Bronzemedaille seine Konzentrationsfähigkeit

Friedhard Teuffel[Helsinki]

In seinem Glück wirkte Ralf Bartels auf einmal ein wenig hilflos. Der 1,86 Meter große und 125 Kilogramm schwere Kugelstoßer schaute fragend im Raum herum, er brauchte einen Übersetzer, denn die Besten werden bei einer Leichtathletik-Weltmeisterschaft auf Englisch befragt. „Mein Schulenglisch reicht nicht dafür“, sagte er. Weil ihm keiner zu Hilfe kam, musste er es doch versuchen. Und was er zu sagen hatte, brachte er auch unter die Leute. Sehr glücklich sei er über seine Bronzemedaille, und es sei ein harter Wettkampf gewesen. Der Weltmeister aus den USA, Adam Nelson, klopfte Bartels nach dem bestandenen Sprachtest anerkennend auf die Schulter.

Konzentrieren, wenn es darauf ankommt, das hatte Bartels schon eine gute halbe Stunde vorher geschafft. Das Finale der Kugelstoßer war bis dahin nicht so gut für ihn gelaufen. Er hatte sich viel für seinen ersten Versuch vorgenommen. „Ich wollte ein Zeichen setzen, damit die anderen ein bisschen in Zugzwang kommen.“ Doch die Kugel landete nur bei 20,30 Metern, und statt der Konkurrenten schien Bartels selbst verunsichert. Bartels war lange Siebter, konnte sich dann mit einem Stoß auf 20,77 Meter immerhin auf Platz fünf verbessern, aber die Bronzemedaille war ein ganzes Stück entfernt. Dann der letzte Versuch: Bartels wuchtete die Kugel auf 20,99 Meter. Platz drei. Er riss die Arme hoch.

Ein Kugelstoßer hat die erste Medaille für Deutschland geholt, das tut nicht nur Bartels und dem Team gut, sondern auch der Sportart. „Früher hieß es doch über einen Kugelstoßer: Entweder ist er gedopt oder vorbestrafter Türsteher.“ Bartels ist wohl keins von beiden. Jedenfalls hat er in Helsinki seine zwölfte Dopingprobe in diesem Jahr abgegeben, und für einen Türsteher sieht er trotz seines wuchtigen Körpers zu lieb aus.

Seinen Sport könnte Bartels auch nicht so erfolgreich ausüben, wenn er nachts in einer Diskothek zwischen gebetenen und ungebetenen Gästen unterscheiden müsste. Bartels kann sich gar nicht vorstellen, mit einem anderen Lebensmodell Erfolg zu haben. Der 27 Jahre Athlet vom SC Neubrandenburg ist Sportsoldat bei der Bundesmarine. Dabei war er bisher erst einmal auf einem Schiff, „und das auch nur so zum Angucken“. Nach einigen Lehrgängen ist er inzwischen zum Bootsmann befördert worden, das entspricht im Heer einem Feldwebel. Außer bei den Lehrgängen hat Bartels nicht viel zu tun mit dem Militär, seine Dienstpläne bei der Marine sind seine Trainingspläne.

Sein Erfolg, der im Grunde mit dem dritten Platz bei der Europameisterschaft 2002 in München begann, hat ihn zwar zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Stavenhagen gemacht, ein Auskommen sichert der Sport Bartels aber nicht. Von Sponsoreneinnahmen und Preisgeldern allein könnte Bartels sich das Leben eines Kugelstoßers gar nicht leisten.

Adam Nelson, dem neuen Weltmeister aus den USA, geht es kaum besser. Nelson, der schon jeweils zweimal Zweiter bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften war, hatte am Anfang des Jahres mit seiner Frau besprochen, ob er überhaupt weitermachen solle. Er hatte viel investiert und wenig zurückbekommen. Doch der 30-Jährige entschied sich für den Sport und versteigerte bei Ebay einen Sponsorenvertrag. Jetzt ist er stolz darauf, Weltmeister zu sein und der Beste in einer Gruppe von Kugelstoßern, die alle „schillernd und smart sind“.

Die starken Männer beherrschen zudem die psychologischen Feinheiten ihres Sports, Nelson sowieso. Der schleudert vor jedem Versuch sein Trikot durch die Gegend und reißt das Publikum durch seine Exaltiertheit mit. Aber auch Bartels ist erfahren genug, sonst würde er als einer unter vielen aus Helsinki wieder abreisen und nicht als erster deutscher Medaillengewinner. In dieser Saison hat er sich einen Mentaltrainer ausgesucht, Willi Neumann, einen Professor für Gesundheitswesen an der Fachhochschule Neubrandenburg. „In der psychologischen Betreuung haben wir in Deutschland sicher noch das größte Verbesserungspotenzial“, sagt er. Bartels hat noch ein anderes Gebiet, auf dem er sich verbessern kann: seine Englischkenntnisse. Die braucht er, wenn er weiter international so erfolgreich ist wie jetzt. Denn dann wird er noch öfter befragt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben