Sport : Der eigenwillige Italiener Nebiolo bleibt Präsident

Robert Hartmann

Primo Nebiolo ist in seinem hohen Präsidentenamte bestätigt worden, wie stets seit 1981. Demokraten sprechen in solchen Fällen von Wiederwahl. Aber wie bezeichnet man es, wenn überhaupt kein Gegenkandidat bereitsteht, ja, wenn schon der Gedanke daran den Einzigartigen in seinem Inneren tief beleidigt? Der Vorgang, dem sich die Vollversammlung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) in Sevilla hingab, verdiente sich die gebührende Bezeichnung von ganz allein: er war ein hoheitlicher Akt.

Der 76-jährige Italiener selbst denkt dabei nicht in den Bezeichnungen der untergegangenen monarchistischen Staatsform, sondern er schaut in fast jeder Rede vertrauensvoll in die ewige Stadt Rom. "Wenn der Papst stirbt, wird am nächsten Tag ein neuer gewählt", gab Nebiolo vor einiger Zeit seinen Status bekannt. Er ist der Oberhirte von 200 Millionen Leichtathleten, freilich ist sein Vatikan lediglich ein Haus im "Operettenstaat" Monaco. Insofern stößt seine Macht schnell an ihre Grenzen.

Aber, wie wäre es mit einer anderen Messlatte, der Zahl der Mitgliedsverbände? Der jüngste Verband hat sein segensreiches Wirken gerade auf der Insel Kiribati in Ozeanien begonnen. Er ist registriert als Nummer 210 und erhält die gleichen Rechte und Pflichten wie, sagen wir, die USA, Großbritannien, Deutschland oder Russland. Vor allem aber bekommt er die gleiche eine Stimme. One Country, one vote. Wenn dann schöne Feste und Sportveranstaltungen anstehen, darf die "Leichtathletik-Familie" - inzwischen als feststehender Begriff eingeführt - auf Nebiolos Ticket anreisen und es sich in Fünf-Sterne-Hotels wohlergehen lassen. Herrsche und verteile! Nebenbei hätten wir hier auch das Geheimnis seiner Beliebtheit und der einsamen Wiederwahlen gelöst. Weder die Vereinten Nationen und der Internationale Fußballverband noch das Internationale Olympische Komitee können ihm in der globalen Ausbreitung das Wasser reichen. "Ich bin nicht mehr der Kämpfer, der ich einmal war, aber ich bin immer noch in perfekter Form", lässt sich Nebiolo von der Nachrichtenagentur AP zitieren. Zweifellos ist der Jurist und Bauunternehmen aus dem Piemont die bedeutendste Funktionärsgestalt seiner Sportart in diesem Jahrhundert. Er hat die Leichtathletik umgekrempelt, wie es vor zwanzig Jahren nicht möglich erschien.

Der frühere Weitspringer Nebiolo besitzt ein enormes Durchsetzungsvermögen. Die IAAF-Präsidentschaft genügte ihm nicht. Er ist IOC-Mitglied, Vorsitzender der Vereinigung der Föderation der Sommersportarten und steht seit 1961 dem Studentensport-Weltverband (FISU) vor. Er kann einfach nicht loslassen. Im Laufe der Zeit häufte er zahlreiche Insignien seiner Einzigartigkeit aufeinander, bis sie ausschauten wie der Turm von Pisa, auf alle Fälle auch schief und schräg. Hatte Nebiolo die Hände im Spiel, als sein Landsmann, der Weitspringer Giovanni Evangelisti bei der WM 1987 in Rom einen 7,90-m-Versuch mit 8,38 m gutgeschrieben und mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet wurde? Danach musste er als Vorsitzender seines eigenen Landesverbandes zurücktreten, welch eine Schmach.

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