Sport : Der eigenwillige Troll

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Von Wolfram Eilenberger

Da, plötzlich hat er den Ball! Grinst, ist frei, grinst breiter, schießt und trifft. Immer wieder die gleiche Überraschung, immer wieder die gleiche Frage: Wo kam der auf einmal her? Mit Genuss empfängt Fredrik Ljungberg derweil die Ehrfurcht der Anhänger, zupft neckisch an seiner roten Punkmähne und trabt – noch immer listig lächelnd – zurück auf Position.

Dieses Spiel, das ist deutlich zu spüren, amüsiert ihn. Und natürlich denkt er gar nicht daran, sein Geheimnis zu verraten. Schließlich fängt Schwedens neuer Weltstar gerade erst an, seine eigentlichen Stärken zu entdecken. Ein kleiner Fußballriese ist Ljungberg in den Jahren geworden. Ein echter Weltklassequerulant, dessen geschnitzter Bau und dunkle Listen unmittelbar an die verschlagenen Waldwesen seiner nordischen Heimat erinnern. Troll Ljungbergs Torzauber bescherte Arsenal London diese Saison gar Meisterschaft und FA-Pokalgewinn. Weshalb er als Ligaspieler des Jahres nun von englischer wie schwedischer Nationalmannschaft gleichermaßen gefürchtet wird.

Den englischen Trainer Sven-Göran Erikssons besorgt dabei insbesondere Ljungbergs absehbare Unberechenbarkeit, auch wenn die Hoffnung besteht, dass Ljungberg im Spiel England – Schweden (11.30 Uhr/ZDF und Premiere) wegen einer Hüftprellung nicht zum Einsatz kommt. Nicht nur deswegen ist auch die heimische Teamleitung besorgt. Es ist wie immer in Schweden, dem Land der Zufriedenen und Gleichgütigen. Ein echter Star, dazu noch ein so extrovertierter wie Ljungberg, bedroht das eigene Selbstverständnis. Wie integrieren wir den bösen Wicht? Und wo genau soll er spielen?

Tatsächlich scheint Ljungbergs schwer anzupassende Stärke gerade in diesen Zuordnungsschwierigkeiten zu liegen. Anders gesagt, in seiner enormen Flexibilität. Mittelfeld und Sturm sagen ihm gleichermaßen zu. Defensiv hartnäckig, präzise im Flankenspiel und kalt im Zentrum, wäre seine Wandlungsfähigkeit noch am ehesten mit der von Hassan Salihamidzic zu vergleichen. Doch wo Brazzos helles Wesen ein Team mitzureißen weiß, verkörpert Ljungberg sozial eher die destruktive Instinkte des Fußballs.

Ihn selbst bekümmert das nicht. Schweden schon. Fredriks aufwendiger Charakter sorgt dort mittlerweile ebenso für Probleme wie sein neuer Erfolgsstil. Lange Jahre zu fleißig, konnte sich Ljungberg dieses Jahr nämlich perfekt auf Arsenal einstellen und verstand dort mit großem Geschick, lange Phasen unterzutauchen, um dann mit magisch anmutendem Situationsgespür für entscheidende Überraschungen zu sorgen.

Für Schwedens einfallsarmes Kollektiv hingegen hat Freddie schon lange nichts mehr gerissen. Vielmehr tritt er dort immer häufiger als Störenfried in Erscheinung. Kürzlich streckte er im Training gar einen Kameraden mit den Fäusten nieder. Es grollt im Troll. Und zunehmend verunsichert hofft Schweden auf plötzlichen WM-Zauber. Weshalb beim Spiel gegen England auch völlig offen steht, zu welchen Gunsten Ljungberg sein eigenwilliges Spiel betreiben wird. Sicher ist nur, dass er grinsend den Rasen Saitamas betritt. Schließlich weiß er ganz genau, wie sehr England – und Schweden – fürchtet, der Troll könnte sich in diesem wichtigen Spiel auf seine ganz eigene Weise amüsieren.

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