Sport : Der eingeschlafene Riese

Hertha BSC will irgendwann die Bayern einholen, momentan ist der Aufschwung ins Stocken geraten

Michael Rosentritt

Berlin. Seit einigen Wochen gibt es die Homepage von Hertha BSC auch auf Chinesisch. Man könnte meinen, dass Deutschland für Hertha zu klein geworden ist oder aber der aufstrebende Verein neues Entwicklungspotenzial erschließen muss. Hierzulande geht es nicht wie gewünscht vorwärts. Der Klub aus der deutschen Hauptstadt hat Großes vor, und bisher haben sich viele Vorstellungen der Vereinsführung auch verwirklichen lassen. Hertha entwickelte sich von einem Zweitligisten zu einem Klub, der in der Champions League spielte. Damals sprach Franz Beckenbauer von einem „schlafenden Riesen“, der aufgewacht ist. Das ist jetzt vier Jahre her. Im Moment aber scheint es, als sei der Aufschwung ins Stocken geraten. Man könnte auch sagen: Der Riese hat ein Nickerchen eingelegt.

Damals träumten sie in Berlin schon von Münchner Verhältnissen. Dieter Hoeneß, der Manager des Vereins, hatte das Zielfernrohr auf den FC Bayern ausgerichtet. Offen blieb lediglich, wann es so weit ist. „Du musst ja irgendwann anfangen, in diese Richtung zu denken“, sagte Hoeneß damals. Tatsächlich konnte man zwischenzeitlich den Abstand zum Branchenführer verkürzen. Hertha wuchs auf allen Ebenen überproportional. Mittlerweile ist das hohe Anfangstempo verloren gegangen. Die vergangene Spielzeit schloss Hertha zwar mit einem Rekordumsatz von 65 Millionen Euro, doch hat Hertha vor dieser Saison nur rund 18 000 Dauerkarten verkauft. Im Rekordjahr 1999 waren es fast 25 000. Die Entwicklung in diesem Bereich ist sogar dem allgemeinen Trend gegenläufig. Dortmund überschritt erstmals die Marke von 50 000 Tickets, und die Bayern mussten den Verkauf vorzeitig einstellen, um möglichst vielen Anhänger ein Liveerlebnis zu ermöglichen.

Wenn Hertha heute beim FC Bayern spielt, wird es kein Duell auf Augenhöhe sein. Vor vier Jahren war der sportliche Klassenunterschied nicht so deutlich. Seit 1999 will Hertha den Abstand verkürzen, tritt aber vier Jahre später auf der Stelle. Da die Wahrheit im Fußball bekanntlich auf dem Platz liegt, dürfen die letzten Spiele als Indiz dafür herhalten. Hertha BSC ist sieben Spiele ohne Sieg. Über Marktpositionierung und Visionen mag Hoeneß momentan nicht reden. „Der Blick auf die Tabelle erschlägt jede strategische und perspektivische Diskussion“, sagt Hoeneß. „Wenn wir wieder da sind, wo wir hingehören“, könne man das nachholen.

Visionen schießen nun mal keine Tore. Hoeneß sagt, dass Berlin mit Visionen Probleme hat. 36 Millionen Euro hat Hertha seit 1999 in neues Personal ausgegeben. Alex Alves erwies sich als teuerster Flop der Vereinsgeschichte und dessen brasilianischer Landsmann Luizao ist auf dem besten Weg dahin. In diesem Sommer verpflichtete Hertha ausschließlich ablösefreie Spieler. Niko Kovac wurde als Heilsbringer bei Hertha angepriesen, bei den Bayern war er durchgefallen.

Als Hertha vor einem Jahr bei den Bayern verlor, titelte „Bild“: „Die graue Hertha – langweilig, mutlos, mittelmäßig.“ Aus Werbesicht ein verheerendes Image. Ganz so düster sehen es die Partner von Hertha nicht. Aber auch im wirtschaftlichen Bereich fallen die Zuwächse nicht mehr so üppig aus. Hertha konnte mit Trikotsponsor Arcor und Ausrüster Nike langfristig verlängern. Doch während Arcor sechs Millionen Euro jährlich zahlt, blättert die Telekom 20 Millionen Euro bei den Bayern hin.

Hertha hat sich vor dem FC Bayern in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt. Nur haben die Bayern in Adidas einen strategischen Partner gefunden, der für 80 Millionen Euro einstieg. Hertha sucht heute noch. Während dem FC Bayern das neue Stadion zu einem großen Teil gehören wird, darf sich Hertha über eine blaue Tartanbahn und einen Sitz in der Betreibergesellschaft des umgebauten Olympiastadions freuen. Hoeneß sagt, Hertha habe der Kirch-Krise, dem Stadionumbau und der zu entwickelnden Infrastruktur Rechnung tragen müssen. „Unsere Investitionsbereitschaft hat in den vergangenen zwei Jahren gelitten. Wir taten das bewusst, um eines Tages wieder mehr Spielraum zu haben als die Konkurrenz.“

Gern betonen sie in Berlin, dass Hertha der einzige Klub neben dem FC Bayern ist, der sich in den vergangenen fünf Jahren für internationale Wettbewerbe qualifiziert hat. Eine solche Einschätzung verklärt den Blick. Die Bayern spielten in der Champions League, Hertha bis auf eine Ausnahme im Uefa-Cup. Dort lässt sich, wenn man sich wie Hertha meist vor dem Winter verabschiedet, so gut wie kein Geld verdienen. Von Stagnation sprechen daher die einen, Manager Hoeneß benutzt lieber das Wort Konsolidierung. Das klingt etwas positiver.

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