Sport : Der Einmalige

Ricard Persson steht für den Aufschwung der Eisbären – nur in seiner schwedischen Heimat will das keiner richtig wahrhaben

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Von Claus Vetter

Berlin. Eishockey-Profis sind abseits der Eisfläche denkbar auffällige Menschen. Breite Schultern, vernarbtes Gesicht und ein Repertoire an Sprüchen, mit denen man schnell im Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft steht. Ein Klischee, das Ricard Persson so gar nicht erfüllen will. Der Schwede ist auf den ersten Blick keine außergewöhnliche Erscheinung. Als Persson im August mit seinem Arbeitgeber, dem EHC Eisbären, im Trainingslager in London war, da hielt ihn gar ein Hotelgast im Fahrstuhl für einen Betreuer der London Knights.

Persson hat die Verwechslung nicht irritiert. Er hat freundlich gelächelt und kurz auf das Eisbären-Logo am Anzug getippt. Dabei war die Verwechslung im Londoner Fahrstuhl schon so etwas wie eine grobe Beleidigung. Schließlich ist Ricard Persson in der Eishockey-Nation Schweden nicht irgendein Spieler. Der 33-jährige Verteidiger hat überall Meisterschaften gewonnen. In der Heimat – die er bereits vor acht Jahren in Richtung Nordamerika verließ –, und in der nordamerikanischen Profiliga NHL mit den St. Louis Blues.

Als Persson im Sommer einen Vertrag in Berlin unterschrieb, ging ein Aufschrei der Entrüstung durch die Sportseiten der Gazetten zwischen Stockholm und Malmö. Nun gut, der Persson möchte nicht mehr in der NHL spielen – gestattet. Aber dann ausgerechnet in die international nur zweitklassige Deutsche Eishockey-Liga (DEL) gehen? Wie kann der Mann nur!

Ricard Persson kann über die Borniertheit mancher Landsleute nur lachen. „In Schweden reden sich zu viele Leute ein, dass Eishockey außerhalb des Landes in Europa nicht richtig gespielt wird“, sagt er. „Für mich kam schon allein daher eine Rückkehr in die Heimat nicht in Frage. Ich wollte mich weiterentwickeln. Und was die DEL betrifft, die ist nun wirklich eine der besten Ligen in Europa. Von der Spielweise zwar nicht zu vergleichen mit der schwedischen Liga, aber vom Niveau her nicht schlechter."

Der Plan, nach Deutschland zu gehen, reifte bereits im Vorjahr. Damals hatte Eisbären-Manager Peter John Lee zum ersten Mal angefragt. Der Schwede entschloss sich aber, noch eine Saison bei den Ottawa Senators zu spielen. Ein Jahr mit Verletzungspech und die mäßige Option, in Ottawa einen Vertrag zu unterschreiben, der Persson nicht vor der Abschiebung ins Farmteam geschützt hätte, machten den Wechsel in die DEL im Sommer möglich. Die Entscheidung für die Eisbären fiel ihm aber nicht leicht. „Ricard hat 1000 Leute angerufen und gefragt, welche Mannschaft diese Saison am ehesten Deutscher Meister wird“, berichtet Manager Lee. „Der ist eben ein Winner-Typ.“

Nun wäre es vermessen, Persson mit der Wahl seines Arbeitsplatzes nach nur zehn Spieltagen in punkto Titelchancen Recht zu geben: Natürlich, die Eisbären sind souveräner Tabellenführer in der DEL, aber die Meisterschaft wird erst in sieben Monaten entschieden. Und doch spielen die Berliner, die heute beim Tabellenletzten Schwenningen antreten, zurzeit so stark auf wie noch nie. Sie düpieren die Konkurrenz nach Belieben, etwa am Freitag beim 4:1 gegen Iserlohn. Und das liegt auch an Persson. Spielübersicht, Zweikampfstärke und Technik des Schweden sind in der Liga einmalig. Dass Persson bei den Eisbären bislang die meisten Scorerpunkte beigesteuert hat, empfindet Lee eher als Schönheitsfehler. „Tore hin oder her – hoffentlich kapieren die Leute, was der wirklich so alles im Spiel anstellt“, sagt Lee.

In Schweden versuchen sie noch, die glanzvollen Auftritte des Verteidigers in der DEL zu ignorieren. Eine Einladung für das Nationalteam ist bei Persson noch nicht ins Haus geflattert. Dabei ist Persson – anders als vielleicht im Hotelfahrstuhl – auf dem Eis nun wirklich unverwechselbar präsent.

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