Sport : Der einstige Jubel-Chor verteilt jetzt Ohrfeigen

Frank Bachner

Hertha ist verunsichert, und der Teamgeist beginnt langsam zu schwindenFrank Bachner

"Wer ist schuld an der Hertha-Krise?", fragte eine Boulevard-Zeitung, eine TED-Umfrage, die Leser durften anrufen, und am nächsten Tag hatte der Trainer sein Fett weg. "57 % Ohrfeigen der Fans für Röber", verkündete das Blatt, und die Schlagzeile las sich wie eine Mischung aus Hohn und tiefer Befriedigung. Der Trainer also, Jürgen Röber, allein verantwortlich für Bundesliga-Platz 13. Niedergestimmt von den gleichen Fans, die noch in der Champions League "Röber, Du bist der beste Mann" jubelten. Es ist eine simple, wenig durchdachte Schuldzuweisung. Röber hat sie nicht verdient, jedenfalls nicht so. "Ich kann das nicht verstehen. Die sollen daran denken, dass wir in der Zwischenrunde der Champions League stehen. Wir haben dem Klub viele Millionen verschafft", sagt er.

Die Umfrage darf man nicht überbewerten, aber Röber nimmt sie hin wie ein Schüler, der fünf Einser und eine Fünf nach Hause bringt und vom Vater nur hört, dass die Fünf eine Schande sei. Rat- und ein bisschen fassungslos. Haben denn alle vergessen, dass Hertha die Sensation im Europapokal ist? Starrt jetzt jeder nur noch auf Platz 13? "Wir hätten vier, fünf Punkte mehr holen müssen. Dann würden wir oben mitspielen." Der Coach hat Hertha auf Platz drei in der vergangenen Saison geführt, er hat Hertha in die Zwischenrunde gebracht, er hat es nicht verdient, so abgewatscht zu werden.

Andererseits ist klar, dass auch Fragen kommen, kritische Fragen. Hertha steht in der Bundesliga nur einen Punkt von einem Abstiegsplatz entfernt. Und die Bundesliga, das predigt Manager Hoeneß bis zum Bänderriss in der Zunge, ist die Pflicht. Aber die Pflicht erledigt Hertha verdammt schlecht. Dafür ist Röber auch verantwortlich.

Platz 13 ist ein Alarmsignal. In der Mannschaft ist die Stimmung ziemlich schlecht. "Das ist im Moment ein ganz heikles Thema", sagt ein Spieler. Der Teamgeist, einst die Stärke von Hertha, beginnt langsam zu schwinden. Besonnene Spieler wie Michael Preetz und Kjetil Rekdal versuchen, Ruhe ins Team zu bringen, indem sie sich mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten oder diese Ruhe predigen. Aber allein schon diese Reaktionen sind bezeichnend genug. "Wenn man einen so großen Kader hat, ist klar, dass der eine oder andere unzufrieden ist", sagt Verteidiger Dick van Burik. Das ist eine nette Umschreibung, dass sich intern erheblich mehr tut, als zugegeben wird. "Heute ist nicht jeder für den anderen gelaufen", hat van Burik nach dem 0:4 gegen Frankfurt auch gesagt.

Die Doppelbelastung Bundesliga/Champions League ist einer der Gründe für die Misere. Aber diese Belastung wirkt in der Bundesliga nur deshalb so gravierend, weil das einsetzbare Personal nicht zahlreich genug ist. Hertha hatte zwar genau für solch eine Doppelbelastung eingekauft, aber die Alternativen greifen zu wenig. Hartmann, Rehmer und Tretschok sind dauerverletzt, Helmer ist keine Verstärkung, Konstantinidis ist zu undiszipliniert, Michalke hat zu selten starke Momente, und Ali Daei und Michael Preetz haben als Duo kaum überzeugt.

Dass Michael Preetz derzeit nicht trifft, ist nicht das Hauptproblem. Das Problem beginnt damit, dass kein anderer ihn ersetzt. Daei? Ein Bundeliga-Tor. Ilja Aracic? Braucht zu viele Chancen. Piotr Reiss? Ausgemustert, ausgeliehen an Duisburg. Ein Fehleinkauf gemessen an seiner Einsatzbilanz. Hertha-Manager Hoeneß verhandelt gerade mit dem brasilianischen Torjäger Alves, einem technisch starken Spieler. Als so ein Spielertyp galt auch Reiss bei seinem Kauf. Dass jetzt ein Techniker geholt werden muss, spricht nicht für Herthas Einkaufspolitik.

Schwächen in der Abwehr, Schwächen im schnellen Spielaufbau, Schwächen beim frühen Attackieren im Mittelfeld - alles auch Folgen der körperlichen Belastung. Darunter leiden andere Teams auch, aber die sind clever genug, auch mit 80 Prozent Leistungsfähigkeit zu gewinnen. Hertha kann das nicht. Das verwundert bei einem Kader mit so vielen erfahrenen Profis. Hertha kann nur die Flucht nach vorne antreten. Jetzt sind zwei Wochen Pause bis zum nächsten Bundesligaspiel. "Ich würde lieber", sagt Dick van Burik, "so schnell wie möglich wieder spielen. Dann könnte man zeigen, dass wir etwas gutmachen möchten."

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