Sport : Der Eishockeyreisende

Die WM ist auch eine riesige Spielerbörse – und Eisbären-Trainer Pierre Pagé weiß, wie das Geschäft läuft

Sven Goldmann

Turku/Helsinki. Die Verzweiflung packt Pierre Pagé auf dem Wandelgang der Eishalle von Turku. Schuld daran ist dieser Kerl mit den breiten Schultern, der ein bisschen so aussieht wie John Travolta. Er hat früher unter Pagé Eishockey gespielt und vor ein paar Minuten von seinen drei Kindern erzählt und dass er jetzt als Scout für die Phoenix Coyotes arbeitet. Pagé hat höflich zugehört und verzweifelt versucht, das Gesicht mit einem anderen Namen als dem John Travoltas zu verbinden. „Jetzt weiß ich nicht mal mehr, wie meine ehemaligen Spieler heißen“, sagt Pagé. „Ich glaube, ich werde alt.“

Das mag ein Grund für die Vergesslichkeit des Berliner Eisbären-Trainers sein, aber vielleicht liegt es auch daran, dass Pierre Pagé in den zurückliegenden beiden Tagen bei der Weltmeisterschaft in Finnland gut 100 Freunde, Kollegen und ehemalige Spieler getroffen hat. Alles gute alte Bekannte aus der National Hockey League (NHL). Einmal im Jahr kommen sie zusammen, aber nicht daheim in Nordamerika, sondern bei der WM im fernen Europa. Das früher belächelte Turnier hat sich als wichtigste Kontaktbörse im internationalen Eishockey etabliert, unentbehrlich für die Scouts der NHL, die hier die Talente der Zukunft sichten, aber auch für die Trainer und Manager, die in den großen europäischen Ligen arbeiten. Wie der kanadische Eishockeylehrer Pierre Pagé, der bei der WM in Finnland nach Verstärkung für seine Eisbären sucht.

Elf Tage lang ist Pagé in Finnland, die Zeit ist voll gepackt mit Terminen, Busreisen, Spielbeobachtungen und einem Trainerkongress. Sein Job in Finnland ist das Sichten von möglichen Verstärkungen und das Anbahnen von Kontakten. Direkt kann er bei einer WM keinen Spieler ansprechen, das ist ein unausgesprochenes Agreement. Der Kontakt läuft über den Agenten des jeweiligen Spielers, und um den zu finden, muss man nur lange genug durch die Wandelgänge der Halle flanieren. Vier Lizenzen haben die Eisbären für die kommende Saison noch frei. Pagé interessiert sich für zwei, drei Slowaken, „die sind so schnell und athletisch, die spielen das Eishockey der Zukunft“. Da trifft es sich gut, dass ihm in Helsinki Peter Stastny über den Weg läuft, der große Star der Achtzigerjahre, der unter Pagé bei den Calgary Flames gespielt hat und jetzt Delegationsleiter des slowakischen WM-Teams ist. Nach anfänglichen Irritationen („Pierre, wie geht’s mit deiner neuen Mannschaft in Italien – oder war das in der Schweiz?“) verabreden sich die beiden auf einen Kaffee. Pagé schätzt Stastnys Rat.

Kontakte sind alles im internationalen Eishockey. In den Achtzigerjahren hat Pagé bei einer WM in Moskau einen Journalisten kennen gelernt, der beste Beziehungen zum sowjetischen Staatstrainer Viktor Tichonow unterhielt. Der Mann hat ihn jahrelang mit Videoaufnahmen der besten russischen Spieler versorgt. Auch Pagé versucht zu helfen. Einem Scout der Nashville Predators, der für die kommende Saison noch einen nicht allzu teuren Verteidiger sucht, empfiehlt er den Kölner Mirko Lüdemann. Der Scout winkt ab: „Den kennen wir, er ist uns zu klein.“ Später trifft er Thomas Steen, den früheren Eisbären-Profi, der jetzt als Talent-Späher für das NHL-Team Minnesota Wild arbeitet. Sein Team hat die Rechte am österreichischen Stürmer Christoph Brandner erworben, und Steen würde ganz gern ein paar Worte mit dessen Agenten wechseln. Dummerweise weiß er nicht einmal wie dieser Agent heißt, geschweige denn, wie er aussieht. Pagé schickt Steen zu einem Journalisten, der Brandners Berater kennt. Ein paar Minuten später findet ein erstes Treffen statt.

Eine neue Marktmacht

Das Geschäft der Klub-Manager ist schwieriger geworden. Früher gab es eine klare Reihenfolge. Die besten Spieler gingen in die NHL, der Rest verteilte sich auf die großen Ligen in Schweden, Finnland, Deutschland oder der Schweiz. In den vergangenen Jahren aber hat sich eine dritte Marktmacht etabliert: Die russische Liga, gesponsert von neureichen Millionären aus dem Erdöl-, Gas- oder Import-Export-Geschäft, lockt mit fantastischen Nettogehältern. Mittlerweile verdienen Tschechen, Slowaken und Schweden ihr Geld in Städten wie Kazan, Togliatti oder Jaroslawl. Seltsame Geschichten werden erzählt in den Wandelgängen der WM-Stadien. Etwa die von den beiden schwedischen Profis, die langfristige Verträge bei einem russischen Klub hatten, in dessen Konzept aber keine Rolle mehr spielten. Eines Tages sei ihnen gesagt worden: „Ihr verschwindet morgen, ansonsten könnte es sein, dass ihr einen kleinen Verkehrsunfall habt.“ Keiner weiß, ob diese Geschichte wirklich stimmt, aber sie ist oft zu hören in diesen WM-Tagen von Finnland.

In Helsinki wird erzählt, dass ein finnischer Verteidiger, den die Eisbären schon seit langem beobachten, auf dem Markt ist. Der kostet das Doppelte eines durchschnittlichen deutschen Spielers, „aber er ist es wert“, findet Pagé. Er fragt nach bei einem finnischen Spielervermittler, und dann ist die Sache erledigt: Der Verteidiger spielt in der neuen Saison in der Schweiz. Der nächste Kandidat ist ein Schwede, und für ihn fährt Pagé im Bus zweieinhalb Stunden durch den finnischen Wald nach Turku. Der Mann macht beim Vorrundenspiel gegen Kanada einen guten Eindruck, aber die Eisbären sind wohl zu spät dran. „Wenn du so einen Spieler haben willst, dann musst du den Vertrag mit ihm schon im März machen“, sagt Pagé. So frühe Abschlüsse aber widersprechen der Philosophie von Eisbären- Manager Peter-John Lee. Der setzt auf Abwarten, denn mit jeder Woche, die ein Spieler auf dem Markt ist, wird er billiger. Das kann gut gehen wie im vorigen Jahr, als die Eisbären im Sommer zehn gute Spieler unter Vertrag nahmen. Es kann aber auch so ausgehen wie im Jahr zuvor, als der Markt nichts mehr hergab und Lee einen Amerikaner holte, der in der japanischen Liga keinen Job mehr bekommen hatte.

Nach der Beobachtung des schwedischen Verteidigers ordnet Pagé seine Unterlagen. Zahlreiche Blätter, eng beschrieben mit Hieroglyphen, die außer ihm kaum jemand entziffern kann. Das Geschäft ist mühsam und eher perspektivisch angelegt denn auf kurzfristigen Erfolg. Im vergangenen Jahr hat Pagé bei der WM Dutzende von Kandidaten beobachtet und am Ende keinen einzigen verpflichtet. Auch vom Ausflug nach Turku wird wenig mehr bleiben als ein Empfang der kanadischen Botschafterin vor dem Spiel gegen Schweden. Nach einem kurzen Gespräch mit Andy Murray, dem Chefcoach des kanadischen Nationalteams, wird es Zeit für die Rückkehr nach Helsinki. Mitten in der Nacht, auf einer Landstraße im finnischen Wald, überkommt Pagé eine Erscheinung: der Name des Spielers mit dem John-Travolta- Gesicht: „Warren Rychel, ein harter Stürmer, ich hatte ihn als Coach in Anaheim.“ Ein anderes Ereignis geht beinahe unter in dieser verregneten Nacht. Kurz nach Mitternacht drückt der Fahrer auf die Hupe und sagt: „Happy Birthday!“ Es ist sein 55. Geburtstag. Pierre Pagé seufzt: „Ich werde wirklich alt!“

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