Sport : Der Erbe des Weißen Hais

Reiner Schnorfeil ist neuer Sixdays-Geschäftsführer.

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Berlin - Zum Glück ist der Keller abgesoffen, damals in der Bremer Stadthalle. Zum Glück für Reiner Schnorfeil. 1989 war das, beim Bremer Sechstagerennen: Schnorfeil, ein junger Sportvermarkter Anfang 30, hatte dort im Keller sein Büro und musste erst einmal die Akten retten, in Gummistiefeln. Dann stapfte er nach oben zum Stadthallen-Direktor Heinz Seesing, neue Büroräume einfordern. Solche Klänge sei er gar nicht gewohnt, blaffte Seesing ihn an. „Er wurde der Weiße Hai genannt“, sagt Schnorfeil und grinst, „er hatte scharfe Zähne.“ Doch sie waren sich sofort sympathisch, sagt er. Seesing beauftragte ihn daraufhin mit der Vermarktung der Bremer Stadthalle. „Er war mein Mentor, mein väterlicher Freund.“

Schnorfeil ist nach oben gestiegen – und dort geblieben, bei Heinz Seesing. 1997 folgte er ihm zum Berliner Sechstagerennen, zunächst als Vermarkter. 2009 stieg Schnorfeil in die Geschäftsführung auf. Seit diesem Jahr ist er dessen Nachfolger als Geschäftsführer. Wenn Schnorfeil im Vip-Bereich im Innenraum unterwegs ist, geht er nicht durch die Sitzreihen, er hangelt sich geradezu hindurch, gibt hier einen Klaps auf den Rücken, wird da umarmt und schüttelt dort eine Hand. An solch einem Abend schüttelt er wohl mehr Hände als Franco Marvulli Runden dreht.

Nun ist Reiner Schnorfeil wieder ganz unten, im Keller. Nicht symbolisch, sondern tatsächlich: in einer engen Kaffeeküche mit grauen Wänden aus blanken Mauersteinen. Auf einem Tisch liegen Plakate und Kartons, dahinter sitzt Schnorfeil. Er atmet kurz durch, legt den Kopf in den Nacken. Dann legt er los: Er redet schnell, aber nicht laut. Er gestikuliert mit den Händen, zieht die Augenbrauen hoch, wenn er über die Radfahrer und das Drumherum redet. „Waren Sie schon im Showroom? Sind Sie mal auf der Bahn gefahren?“

Schnorfeil, 56 Jahre alt, hat erst Biologie und Sport auf Lehramt studiert. „Aber dann kam die Lehrerschwämme und man war arbeitslos.“ Also hat er anschließend Sportmarketing studiert. Eigentlich wollte er ja Fußballprofi werden. „Bei BSV Kickers Emden habe ich gespielt, die waren damals viertklassig, ich war Rechtsaußen, weil ich hundert Meter in 11,3 Sekunden gelaufen bin.“ Heute redet er nur noch so schnell, wie er damals gerannt ist.

Zur Ruhe kommt er hier unten auch nicht. Zwischendurch unterbricht ihn ein Anruf. „Darf ich da mal rangehen?“ Er geht ran – freundlich abwimmeln: „Ich bin gleich wieder oben.“ Für einen Moment wirkt er gehetzt.

Während des Sechstagerennens beginnt sein Tag um zehn im Büro und endet meist um fünf Uhr morgens mit den Fahrern an der Hotelbar. Das Berliner Sechstagerennen ist für ihn der „Fels in der Brandung“, einer von wenigen Orten in Europa, wo der Bahnradsport noch funktioniert.

„Wenn einer auf der Bahn wegrutscht und stürzt, haben Sie das mal gesehen? Dann zittern ihm die Beine, und dann muss er wieder sofort aufs Rad und weiterfahren. Das ist ein ehrlicher Sport.“ Dann muss er wieder hoch. Als er zurück nach oben geht, strahlen ihm die Scheinwerfer ins Gesicht.

Die Fahrer haben gerade Pause. Showtime. Schnorfeil lässt den Blick durch die Halle schweifen. „Das ist nur so ein bisschen Licht, aber“, er stockt. Die Musik stoppt, und die Zuschauer applaudieren. „Aber die Leute, da, die klatschen nicht wegen des Sports, sondern wegen der Show.“ Sechstagerennen, die sind für ihn „ein bisschen Promis, ein bisschen Eitelkeiten, vor allem aber Sport – die Mischung macht es aus.“

Und immer mittendrin: Reiner Schnorfeil. Er spielt mit auf diesem „Jahrmarkt der Eitelkeiten, beim Rundenkarussell“, wie er es nennt. Er grinst, ein Klaps auf den Rücken, dann eilt er wieder in den Innenraum. Jan Mohnhaupt

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