Sport : Der Erfinder des Ehrgeizes

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Von Stefan Hermanns

Miyazaki. Es war ein Moment, auf den die Fotografen offensichtlich sehnsüchtig gewartet hatten. Ein witziger Versprecher, und, sieh einer an, Oliver Kahn lacht. Klick-klick-klick, Blitz-blitz-blitz. Er lacht! Er lacht! Ach, wie schön für die Fotografen, die ja auch nicht immer nur die gleichen Bilder machen wollen. Bei Oliver Kahn beschränkt sich die Motivauswahl zurzeit auf Kahn ernst, Kahn ganz ernst und Kahn sehr ernst. Die weiteren Aussichten sind – nun ja – extrem ernst: „Die Nervosität steigt natürlich jetzt“, sagt Kahn. Drei Tage sind es noch, bis die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Sapporo gegen Saudi-Arabien ihr erstes WM-Spiel bestreitet, und ihr Kapitän macht dazu ein Gesicht wie der Vorstandsvorsitzende eines Industriekonzerns, dem gerade die Nachricht überbracht wurde, dass sein Unternehmen vom ärgsten Konkurrenten aufgekauft worden ist.

Bei Kahn kennt man es kaum anders. WM, Bundesliga, Champions League – „für mich macht das keinen Unterschied“, sagt er. Eine Weltmeisterschaft, „das ist sicherlich was sehr Großes“, andererseits dürfe man sich davon auch nicht blenden lassen. Für den Torhüter des FC Bayern München ist auch ein Spiel in Cottbus eine Art WM-Finale. Oliver Kahn, der vielleicht beste Torhüter der Welt, hat das globale Fußball-Großereignis bereits zweimal in seiner Karriere miterlebt; wenn aber am Samstag der Jahrgang 2002 sein erstes WM-Spiel bestreitet, wird dies auch für Kahn mit inzwischen fast 33 Jahren eine neue Erfahrung sein. Noch nie hat er bei einer Weltmeisterschaftsendrunde im Tor gestanden. 1994 in den USA war er hinter Bodo Illgner und Andreas Köpcke lediglich die Nummer drei, 1998 – erneut hinter Köpcke ebenfalls nur Ersatz. Und sein erstes großes Turnier, die Europameisterschaft 2000, endete in einem Fiasko für den deutschen Fußball. Für Kahn im Speziellen hatte das Turnier einen Unterhaltungswert wie eine Zahnwurzelbehandlung ohne örtliche Betäubung.

So wie damals in Holland und Belgien darf es in Japan und Südkorea jedenfalls nicht wieder enden. Dafür steht Oliver Kahn, der Erfinder des Ehrgeizes. „Für mich ist es wichtig, nicht nur im Tor zu stehen“, sagt er. Als Kapitän fühlt er sich auch für das große Ganze verantwortlich, und mit dieser Rolle hat er sich erst anfreunden müssen. Generell gilt, dass der Torwart während eines Spiels schon seiner entrückten Position wegen nur wenig Einfluss auf den Rest der Mannschaft ausüben kann.

Auch deshalb hat sich Kahn im vergangenen Jahr immer noch gegen die Übernahme der Kapitänsbinde gesträubt, als er seinen Vorgänger Oliver Bierhoff bereits de facto aus dem Amt gedrängt hatte. Was für andere Torhüter gelten mag, trifft auf Oliver Kahn ohnehin nur bedingt zu. Vor einem Jahr, im letzten Bundesligaspiel des FC Bayern München in Hamburg, war er es, der seine Kollegen nach dem Gegentreffer in der 90. Minute noch einmal zur finalen Gegenwehr anstachelte. Ohne ihn und seine energische Intervention wären die Bayern vermutlich nicht schon wieder Meister geworden. „Es ist wichtig, dass man sich lautstark miteinander unterhält“, sagt Kahn. Die Unterhaltung sieht meistens so aus, dass Kahn brüllt, und die anderen kuschen. Vermutlich wird es der deutschen Nationalmannschaft nicht schaden, wenn sie Kahns Anweisungen folgt. Er bürgt gewissermaßen mit seinem n und seiner Einstellung für ein engagiertes Auftreten einer Mannschaft, von der bei dieser Weltmeisterschaft gemeinhin nicht allzu viel erwartet wird.

Autoritätsprobleme muss Kahn schon deshalb nicht befürchten, weil er zurzeit Deutschlands einziger Star von globaler Strahlkraft ist. „Eine lebende Legende“, hat ihn die französische Fachzeitschrift „France Football“ gerade erst genannt . Doch die exponierte Stellung Kahns bestätigt eigentlich nur, dass es dem deutschen Fußball aktuell an echten Führungspersönlichkeiten fehlt. Kahn ist der einzige in Rudi Völlers Kader, der diese Rolle ausfüllt. Michael Ballack sagte dem „Stern“: „Ich fühle mich zu jung, um der Chef zu sein - da haben wir nur Kahn.“

Man muss sich schon ein wenig winden, um diesem Umstand auch positive Aspekte abzugewinnen: „Die Stärke der Mannschaft liegt in ihrer Einheit“, sagt Oliver Kahn. „Mit so einem Kollektiv kann man sehr viel wettmachen." Dass davon die wenigsten wirklich überzeugt sind, spornt einen Menschen wie Kahn nur noch zusätzlich an.

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