Sport : Der etwas andere Basketballer

Sascha Leutloff liebt Klassiker wie Tolstoi – bei Alba ist er noch Reservist

Benedikt Voigt

Berlin. Dass Sascha Leutloff ein ungewöhnlicher Basketball-Profi ist, konnte Burkhardt Prigge unlängst feststellen, als er ihn vor einem Auswärtsspiel im Auto zum Flughafen Tegel mitnahm. Andere Spieler würden sich in so einem Moment mit dem Kotrainer von Alba Berlin unterhalten, Radio hören oder aus dem Fenster blicken. Sascha Leutloff aber zog ein gelbes Reclam-Heft hervor und begann zu lesen. „Es war irgendein russischer Klassiker“, erinnert sich Prigge, „Tolstoi oder Dostojewski.“ Als er ihn das nächste Mal vor einem Auswärtsspiel mitnahm, las Leutloff erneut in einem der kleinen gelben Hefte. Prigge registrierte es mit Erstaunen. „Ich kenne nicht viele Spieler, die Klassiker lesen“, sagt Albas Kotrainer.

Dass Sascha Leutloff sich nicht nur für anspruchsvolle Literatur interessiert, sondern auch auf anspruchsvollem Niveau Basketball spielen kann, durften die Trainer von Alba Berlin in der vergangenen Woche feststellen. Zweimal stellten sie den 21-Jährigen aufgrund der Verletzungsprobleme in die erste Fünf, zweimal enttäuschte er sie nicht. „Er hat in Bonn hervorragend gespielt“, sagt Prigge, „in Athen bekam er dann nicht mehr so viel Spielzeit.“ Auch Trainer Emir Mutapcic hob seinen Nachwuchsmann trotz der 79:99-Niederlage in Bonn ausdrücklich positiv hervor. „Für mich persönlich ist das großartig“, sagt Leutloff, „aber ich weiß auch, dass ich nur durch die vielen Ausfälle in unserem Team so viel gespielt habe.“ Ob er heute in der Bundesliga gegen EnBW Ludwigsburg (15 Uhr, Max-Schmeling-Halle) wieder in der ersten Fünf stehen wird, wollte Prigge noch nicht sagen.

In Bonn und bei der unglücklichen Europaliga-Niederlage bei Olympiakos Piräus (95:96 nach Verlängerung) hatte der Spieler mit der Doppellizenz für den Zweitligisten TuS Lichterfelde eine Sonderaufgabe erhalten. Er sollte seinen jeweiligen Gegenspieler in der Defensive stoppen. Es gelang ihm. „Er ist ein sehr guter Verteidiger, was man vielleicht gar nicht erwarten würde von einem Spieler, der so schmal und schlaksig ist“, sagt Prigge. Nach dem Weggang von Jörg Lütcke und der langwierigen Verletzung von Henrik Rödl mangelt es bei Alba an Defensivspezialisten. In der Offensive muss sich Leutloff allerdings noch verbessern.

Bei Alba erhielt er vor dieser Saison erstmals einen Einjahresvertrag mit einer Option des Vereins auf Verlängerung. Zudem schrieb er sich an der Technischen Universität in Geschichte ein. „Bei anderen Studiengängen ist der Numerus clausus zu hoch gewesen“, sagt Leutloff. Wegen des aktuellen Studentenstreiks hat er aber noch keine Vorlesung besucht. Der Beruf als Basketballprofi ist gegenwärtig seine bevorzugte Wahl. „Basketball ist für mich am lukrativsten.“

Der 2,02 Meter große Berliner aus Prenzlauer Berg ist natürlich noch nicht Albas neuer Hoffnungsträger. Abgesehen von den beiden Einsätzen für Alba läuft es für Leutloff in dieser Saison sportlich gar nicht so gut. Mit dem TuS Lichterfelde steht er gegenwärtig in der zweiten Liga auf dem letzten Tabellenplatz. Es wird äußerst schwer werden für das Farmteam von Alba Berlin, den Abstieg zu vermeiden. Der jungen Mannschaft fehlen verletzte Spieler wie Guido Grünheid und Heiko Schaffartzik. Am vergangenen Wochenende verlor Leutloff zunächst in der zweiten Liga am Freitag mit 59 Punkten Rückstand gegen Bremerhaven, unterlag am Samstag mit Alba in Bonn und trat dann noch am Sonntag mit TuS Lichterfelde II in der Regionalliga an. Auch dieses Spiel ging verloren. Leutloff lässt sich von den Niederlagen nicht entmutigen. „Die Spiele mit Alba sind gut für mein Selbstbewusstsein.“

Gegen Ludwigsburg jedenfalls möchte er mit Alba nach drei Niederlagen in Folge endlich wieder gewinnen. Doch falls der stille Leutloff schon im heutigen Spiel wieder in die zweite Reihe rutscht, wird er es den Trainern nicht übel nehmen. „Wir wissen, dass er nicht sauer ist, wenn er mehr Zeit auf der Bank verbringt als auf dem Spielfeld“, sagt Prigge. Das wird ohnehin wieder seine Rolle sein, wenn die verletzten oder angeschlagenen Spieler fit sind. Dann wird er wieder mehr Ruhe für sein großes Hobby haben. Zurzeit liest er etwas von Honoré Balzac.

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