Sport : Der ewige Boris

JÖRG ALLMEROTH

LONDON . Am Abend dieses denkwürdigen Tages scheint Boris Becker bei seiner Zeitreise durch Wimbledon wieder im Jahr 1985 angekommen zu sein: Als er am Tor 13 des All England Clubs zwei privaten Fernsehanstalten Rede und Antwort steht, die auf dem Grand-Slam-Gelände keine Drehgenehmigung haben, wird der alte Tennis-Held von Hunderten kreischender Teenager umlagert wie einstmals der jugendliche Popstar "Bum-Bum-Boris". Ein Heer von Polizisten und privaten Sicherheitsleuten hat alle Mühe, dem dreimaligen Champion eine Gasse durch seine Jünger zu schlagen. Kurze Zeit später, Beckers grüne Mercedes-Limousine ist inzwischen von Schlägerbespanner Uli Kühnel zum Drehort chauffiert worden, hallen zur Abfahrt des deutschen Tennis-Stars Rufe wie "Boris Becker, Tennisgott" oder "King Boris" über das Gelände.

Der Sieger der Jahre 1985, 1986 und 1989 ist zehn Jahre nach seinem letzten Titelcoup der schillernde Hauptdarsteller der ersten Wimbledon-Woche. "Keinem Sampras, keinem Agassi, sondern Becker gehört die Aufmerksamkeit des Tennisvolks", schreibt der "Daily Telegraph" nach zwei Wettbewerbsrunden im heiligen Rasentempel von London. Erst der Tennis-Thriller gegen den Briten Miles MacLagan auf Court Zwei, dem "Friedhof der Champions", dann die meisterliche 6:4, 6:2, 6:4-Centre Court-Inszenierung gegen seinen nationalen Rivalen Nicolas Kiefer: Becker ist wieder da - mit all seiner erdrückenden physischen und psychischen Präsenz. Beckers Trainer Mike DePalmer spricht von einem "Sieg gegen alle Vernunft, also einem Boris-Sieg".

Becker, wie er leibt und lebt. Abgeschrieben, verhöhnt, verlacht und gebissen von den jungen Löwen Haas und Kiefer. Und plötzlich, nach dem 6:4, 6:2, 6:4 gegen Kiefer, wieder überlebensgroß da, als Leittier der Meute. "Der Centre Court", sagt Becker, "hat noch einmal den alten Becker geboren." Und weil die 13 000 Zuschauer auf diesem sagenumwobenen Tennis-Schauplatz den strahlenden Becker der 80er Jahre und nicht den Becker der letzten beiden Jahre mit seiner diffusen Abschiedstournee, mit Lust-und-Laune-Engagements ohne Sinn und Ziel sehen, erheben sie sich bei seinem Abgang und schreien sich die Lunge aus dem Hals: "Boris forever". Der ewige Boris. Selbst in der königlichen Loge stehen die Besucher auf, blaublütige Verbeugung vor dem Mann, den sein Clan "Baron" nennt.

Schlagartig hat Becker die Schmach seiner späten Jahre getilgt. Der Mann, der auf Crashkurs mit vielen und sich selbst war, hat die Kurve gekriegt. Instinktiv hatte Becker schon vor einem halben Jahr gespürt, daß ihm nur ein halbwegs zufriedenstellender Wimbledon-Abschied die Chance bieten würde, Autorität und Ehre zurückzugewinnen. "Jetzt hat Boris seinen Frieden", sagt seine Frau Barbara.

Gegen Kiefer spielt Becker mit heißem Herzen und kontrollierter Leidenschaft. Becker pur. Es ist eine Dramaturgie wie in Beckers letztem großen Wimbledon-Jahr 1995. "Typisch für mich", sagt Becker, "wenn man einmal fast gestorben ist, geht es danach umso besser." 1985 hat die "Washington Post" den ersten Wimbledon-Sieg Beckers mit den Worten beschrieben: "Er war zu jung, um zu wissen, daß er zu jung ist, um zu gewinnen." 1999 hat Becker für eine Stunde und 53 Minuten vergessen, daß er fast zu alt ist, um noch so gut zu sein. Für diese "bewegenden, anrührenden Momente", hat er ein halbes Jahr geschuftet und gerackert. Doch Becker weiß jetzt, daß es sich gelohnt hat: "Diese Augenblicke werde ich für alle Ewigkeit festhalten."

Der Rationalität hat Becker noch einmal ein Schnippchen geschlagen. Der Vorruheständler spielt wie ein Himmelsstürmer, der am Beginn seiner Laufbahn steht. Er übertrifft sich selbst und all seine Erwartungen: "Ich habe nicht gewußt", meint Becker, "daß ich noch so gut spielen kann." In den ganzen letzten Wochen, sagt Trainer Mike DePalmer, "brauchte Boris eigentlich keinen Coach. Er lief wie ein automatisches Uhrwerk".

Angetrieben vom Wunsch eines würdevollen Good-Bye, hat Becker vor der Zeitenwende seiner sportlichen Pensionierung die Zeit angehalten. Becker, 31, läßt Kiefer, 21, alt, ganz alt aussehen. Der Alte sprüht vor Ehrgeiz und Tatendrang, der Junge hat nur einen Logenplatz beim großen Becker-Theater. Als Becker im dritten Satz einen Breakball Kiefers mit einem As nach zweitem Aufschlag abwehrt, raunt ein englischer Pressemann auf der Tribüne: "Ein Punkt wie eine Karriere." Becker - der Mann für die großen Punkte und den Thrill der spannungsgeladenen Inszenierung. Einer, der alles will und deshalb alles oder nichts spielt. Und der noch einmal seine alte Behauptung stützt: "Auf dem Centre Court von Wimbledon ist der Spieler Becker immer ein bißchen besser als anderswo."

Der alte Mann und das Mehr - wohin geht Beckers Wimbledon-Reise jetzt noch? Sein persönliches End-Spiel hat er gegen Kiefer wahrscheinlich schon gehabt. Was nicht heißt, daß die Mission in London-Southwest 19 vorüber ist. "Jeder, der gegen mich spielt, muß sich verdammt anstrengen", sagt Becker, "ich schenke nichts her." Auch Lleyton Hewitt, der 18jährige Australier, der in Runde drei auf Becker wartet, darf auf freiwillige Präsente nicht hoffen. Ob die Leidenschaft reicht, einen wirklich jungen Wilden niederzuringen, weiß keiner. Und Becker schon gar nicht: "Bei mir weiß man nie, woran man ist", sagt er. Schon gar nicht in Wimbledon. Wo Becker mehr ist als nur Becker.

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