Sport : Der ewige Held

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Von Erik Eggers

Köln. Hans Krankl fühlt sich wohl in Köln. Braun gebrannt, das kurze, graue Haar sorgfältig mit Gel überzogen, genießt der seit Jahresbeginn amtierende österreichische Teamchef die Rückkehr an den Rhein: „Ich habe ein Zimmer mit Blick auf den Dom, ein Traum ist das.“ Sein letzter Aufenthalt in Köln war weniger angenehmn. Fünf Monate lang hat er höchst erfolglos den Zweitligisten Fortuna betreut. In Österreich aber, da ist er wer, immer noch. Im ersten Spiel unter Teamchef Krankl siegte die Nationalmannschaft 2:0 gegen die Slowakei, im zweiten gab es ein respektables 0:0 gegen den deutschen WM-Gegner Kamerun. Seine radikal umgebaute Elf, findet Krankl, kommt „jung, willig und aggressiv“ daher, „aber ich bin nicht so vermessen, dass ich mit einem Sieg im ersten Auswärtsspiel rechne“. Dann kommt er endlich zu dem Thema, auf das alle warten: „Ich betrachte dies auch nicht als Rendezvous mit der Geschichte.“

Natürlich weiß der Krankl-Hans, dass ganz Österreich das anders sieht. Natürlich denken alle an 1978, als Krankl bei der WM in Argentinien zwei Tore gegen Deutschland schoss. Österreich gewann 3:2, und Krankl wurde zum ewigen österreichischen Volkshelden. „I werd’ narrisch“, johlte der österreichische Fernsehreporter Edi Finger völlig entrückt in sein Mikrofon. Zum ersten Mal nach 47 Jahren hatte Österreich wieder gegen die Deutschen gewonnen.

In Deutschland firmiert dieses Spiel immer noch als „Schmach von Cordoba“, und diese Bezeichnung spiegelt exakt den damaligen Zustand des Fußballs in Deutschland wider. Die Niederlage gegen Österreich war nicht mehr als ein Symptom des fußballerischen Stillstands; das Eigentor, das Dauerläufer Berti Vogts in seinem letzten Spiel fabrizierte, besaß Symbolcharakter. Bundestrainer Helmut Schön hatte in seinem letzten WM-Turnier auf kreative Spieler wie Beckenbauer, Breitner und Stielike verzichtet und stattdessen Kraftfußball gepredigt. So produzierte Schön mit Cordoba einen deutschen Erinnerungsort, der, 22 Jahre vor Unterhaching, für Versagen und Unvermögen stand.

Überhaupt: Länderspiele zwischen Deutschland und Österreich eignen sich vorzüglich zu einem repräsentativen Streifzug durch die wechselhafte Fußballgeschichte beider Länder. Vor allem deswegen, weil die Höhepunkte der einen Fußballnation fast immer mit historischen Nackenschlägen beim Gegner verbunden waren. 1931 etwa feierte das von dem genialen Strategen Matthias Sindelar angeführte „Wunderteam“ zwei Kantersiege (6:0 in Berlin, 5:0 beim Rückspiel in Wien) gegen die hölzern wirkenden Deutschen. Es war, personifiziert durch den schillernden Teamchef Hugo Meisl, der Triumph einer vitalen Wiener Kaffeehauskultur über einen spießigen, uninspirierten Stil.

Damals, als die Weltwirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreichte, fiel der Kurs des deutschen Fußballs so tief wie der einer Industrieaktie an der Börse. Gleichzeitig kündeten die Siege von der Überlegenheit des Professionalismus, der in Österreich 1924 eingeführt worden war, über das sture Festhalten deutscher Fußballfunktionäre am Amateurfußball. Der DFB hatte zwischen 1925 und 1930 gar den Spielverkehr mit Mannschaften aus Österreich, England oder der Tschechoslowakei boykottiert.

Ein rapider Sturz deutscher Fußballkunst war dem vorausgegangen: Noch 1922 hatten die Deutschen nach Auffassung von Wiener Fußballexperten den modernsten Fußball Europas gespielt, als sie im Wiener Stadion auf der Hohen Warte mit 2:0 gewannen. „Das österreichische Spiel war barock, ein Menuett aus Schönbrunn, das deutsche ein lichter, hochragender Industriebau aus Stahl und Glas“, bewunderte ein zeitgenössischer Kommentar. Es war dies überhaupt erst der erste Sieg gegen Österreich nach der Premiere 1908 (Bilanz heute: 31 Spiele, 17 deutsche Siege, sechs Remis, acht Siege für Österreich). Abgesehen von den Intermezzi 1931, 1978 und einem 4:1-Sieg im Freundschaftsspiel 1986 hat es seitdem nie österreichische Erfolge gegeben.

Während die österreichischen Fans bei der WM 1934 mit der 2:3-Niederlage im Spiel um den 3. Platz noch leben konnten, ist die furchtbare Erinnerung an das WM-Semifinale 1954 in Basel nicht verblasst. Damals demontierte die von Fritz Walter dirigierte deutsche Elf auf dem Weg zum Wunder von Bern die hochgelobte Wiener Fußballschule mit 6:1. Der spätere Erfolgstrainer Ernst Happel kickte auf österreichischer Seite als Verteidiger mit.

Genauso wenig vergessen ist eine andere Begegnung, die sogar zwei Verlierer aufzuweisen hatte. Auch Stürmer Hans Krankl war in Gijon zur Salzsäule erstarrt, als Deutsche und Österreicher in der WM-Vorrunde 1982 in Spanien einen Nichtangriffspakt eingingen. Das frühe deutsche Führungstor von Horst Hrubesch genügte beiden zum Einzug in die nächste Runde. Algerien flog deswegen aus dem Turnier. Es war einer der größten Skandale der WM-Geschichte.

Damals wollten beide Mannschaften keinen Fußball spielen. Heute, da Österreich wichtige Matches zuweilen mit 0:9 (in Spanien) oder 0:5 (in der Türkei) verliert, Deutschland gar desaströs gegen Wales eingeht, den 96. der Weltrangliste, scheint es nicht mehr nur eine Frage des Willens.

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