Sport : Der ewige Kämpfer

Alexander Leipold gibt auch nach seinen Schlaganfällen nicht auf

Mathias Klappenbach

Berlin. Zuerst hat er sich nichts dabei gedacht. Alexander Leipold spürte vor zwei Wochen ein leichtes Kribbeln in den Armen und in den Beinen. Und in der Wange war so ein komisches Gefühl. Wahrscheinlich ein eingeklemmter Nerv irgendwo im Genick, der Freistil-Ringer ging im Trainingslager in Usbekistan jedenfalls auf die Matte und gewann souverän gegen seinen usbekischen Trainingsgegner. Doch Bundestrainer Wolfgang Nitschke wollte sichergehen, dass mit seinem Athleten wirklich alles in Ordnung ist. Schließlich sollte der bei den Weltmeisterschaften im September in New York eine Medaille gewinnen und wieder an seine großen Erfolge von früher anknüpfen.

Leipold flog zur Untersuchung nach Hause. Und die Ärzte in Deutschland hatten keine gute Nachricht für ihn. Das Kribbeln, das er verspürt hatte, war ein leichter Schlaganfall. Trotzdem schickte Leipold seinem Trainer Nitschke folgende SMS nach Usbekistan: „Mir geht es gut. Ich werde morgen entlassen. Auf der Matte lasse ich euch nicht im Stich.“ Doch dann, so beschreibt es Nitschke, „kam der Hammer“. Der 34-jährige Leipold erlitt in der Klinik zwei weitere Schlaganfälle, der letzte lähmte sein Sprachzentrum. Ein schwerer Schicksalsschlag für Leipold und nicht der erste in einer erfolgreichen Sportlerkarriere: 15 Medaillen gewann der Ringer bei Welt- und Europameisterschaften, bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 erfüllte er sich seinen größten Traum – mit der Goldmedaille im Weltergewicht.

Dann folgte der Skandal, Leipold musste die Goldmedaille wieder abgeben. Seine Dopingprobe war positiv: Nandrolon, ein anaboles Steroid. Leipold beteuerte seine Unschuld. Wahrscheinlich habe er das verbotene Mittel unwissentlich mit Nahrungsergänzungsmitteln zu sich genommen. Es nützte nichts: Leipold wurde vom Weltverband für zwei Jahre gesperrt, damals war er 31. Das Ende seiner Karriere schien gekommen.

Doch „Alexander der Große“, wie ihn viele Kollegen nennen, gab nicht auf. Auf der Matte ist er wegen seines unbändigen Willens ein unangenehmer Gegner. Und außerhalb der Wettkampfhallen klagte er beim Internationalen Sportgerichtshof gegen die Aberkennung der Medaille. Gold bekam er nicht wieder, nur seine Sperre wurde reduziert. Bis heute steht auf seiner Internetseite unter der Rubrik „Erfolge“ bei Olympia 2000: Gewinner.

„Wir hatten uns neue Ziele gesetzt, und es lief alles gut“, sagt sein Trainer Nitschke. Leipold arbeitete weiter in seinem Beruf als Industriekaufmann, wurde Nachwuchstrainer beim hessischen Ringerbund und übte für sein Comeback. In einem Interview zitierte er Paragraf eins aus dem Ringerhandbuch: „Für wichtige Kämpfe zählt als Absagegrund nur der eigene Tod.“ 2001 bei der WM war er wieder dabei, bei der EM 2002 verpasste er knapp eine Medaille. Leipold, der Kämpfer. Leipold, der Stehaufmann. Schon wird spekuliert, ob er nächstes Jahr bei Olympia in Athen starten könnte. Um eine Goldmedaille zu gewinnen, die er dann behalten darf.

Doch die beiden Rückschläge sind nicht miteinander zu vergleichen oder gar zu verbinden. Die Ursache für die Schlaganfälle wird in einem Infekt vermutet. Hinweise, dass sie neben anderen Ursachen auch eine Spätfolge von Leipolds positivem Nandrolon-Befund sein könnten, gibt es nicht. Inzwischen geht es Leipold besser, er kann normal gehen und sprechen. „Er macht sehr gute Fortschritte“, sagt Trainer Nitschke.

Am Mittwoch wurde Leipold aus dem Krankenhaus entlassen und hatte schon wieder klare Pläne. Der Kämpfer war wieder da. „Zuerst nach Hause zu meiner Familie, dann zurück ins Berufsleben und als Trainer auf die Matte. Dafür brauche ich Fitness, also muss ich wieder Sport machen. Dann ist vielleicht die Nationalmannschaft wieder ein Thema“, sagte Leipold. Wenn es ihm gesundheitlich möglich ist, will er als Zuschauer zur Weltmeisterschaft in die USA fahren.

Ein großes Programm. Seit Freitag ist der Patient Leipold in einem bayerischen Rehabilitationszentrum. Am Wochenende sind seine Frau und sein vierjähriger Sohn zu Besuch. Interviews gibt er nicht, er schickt wieder eine SMS: „Die Ärzte raten mir, mich die ersten zwei Wochen NUR um die Rehabilitation zu kümmern.“ Hört sich vernünftig an.

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