Sport : Der ewige Sanierer

19. Dezember 1999: Jörg Berger wird zum sechsten Mal als Trainer entlassen – so oft wie kein anderer in der Bundesliga

Daniel Pontzen

Vor 40 Jahren, am 24. August 1963, ist die Fußball-Bundesliga in ihre erste Saison gestartet. Seitdem hat die Liga viele schöne Geschichten geschrieben. In loser Folge erinnern wir an Rekorde und Glanzleistungen, heute an den Trainer, der am häufigsten entlassen wurde.

Chris Berger hatte von Anfang an nicht fahren wollen. Ostern sei das Wetter viel schöner in den Alpen als jetzt, zum Jahreswechsel 85/86. Ihr Mann Jörg Berger, Trainer des Zweitligisten Hessen Kassel, setzte sich durch: „Ostern kann ich nur in Urlaub, wenn ich arbeitslos bin“, erklärte er seiner Frau. Also machten sie sich kurz nach Weihnachten auf den Weg gen Süden. Als Jörg Berger am 4. Januar in Kärnten die Zeitung aufschlug, hatte sich sein Urlaub verlängert. Weil der Kasseler Vorstand Berger nicht erreichen konnte, hatte er dem Trainer die Entlassung via „Bild“ ausrichten lassen. „Du, Schatz“, teilte Berger seiner Frau mit, „wir können Ostern doch noch mal fahren.“

Jörg Berger, derzeit bei Alemannia Aachen, ist in 40 Jahren Bundesliga der Trainer, der am häufigsten entlassen wurde – sechsmal geschah ihm das in der Ersten Liga, zum letzten Mal am 19. Dezember 1999 bei Eintracht Frankfurt. Insgesamt hat Berger zwölf Vereine vor Vertragsende verlassen. Auf den zweiten Blick ist diese Bilanz eine hervorragende Referenz: Berger ist zugleich der Trainer, der sich am längsten in der Branche gehalten hat. Immer wieder hat er neue Anstellungen gefunden. „Das zeigt, dass meine Arbeit anerkannt worden ist.“ Im Januar 1986 dauerte es nur einige Tage, ehe sich Hannover 96 meldete. Und sich die Urlaubspläne für Ostern gleich wieder zerschlugen.

Beinahe zu jedem Engagement Bergers gibt es eine Geschichte. Freiburg verließ er, um ein Angebot aus der Bundesliga wahrzunehmen, bei Bursaspor, seinem letzten Job im Ausland, verabschiedete er sich freiwillig. Die Verhältnisse waren zu extrem. „Wenn meine Frau dort montags vom Flughafen mit dem Helikopter abgeholt wurde, wusste sie, wir haben gewonnen. Wenn nicht, wurde sie fünf Stunden bei brütender Hitze im Auto um das Marmarameer kutschiert.“

Auch schmerzende Entlassungen waren dabei. „Schalke habe ich von ganz unten in den Uefa-Cup geführt. Der Abschied dort hat sehr weh getan.“ Kurz vor seiner Entlassung hatte seine Mannschaft im Uefa-Pokal Roda Kerkrade ausgeschaltet. Deren Trainer Huub Stevens beerbte Berger und gewann den Wettbewerb. Die meisten Entlassungen gehorchten einer paradoxen Logik: Berger übernahm einen Verein in schwieriger Situation, renovierte das Team, führte es in der Folgesaison nach oben und scheiterte danach an der gestiegenen Erwartung. So lief es in Schalke, in Frankfurt und in Köln.

Trotzdem hat Berger den Ruf eines Retters in der Not. „Ich habe schnell in dieser Schublade gesteckt, aber damit kann ich leben“, sagt Berger, wenngleich „Sanierer“ etwas sympathischer klinge. Mittlerweile begegnet er den Eigenheiten des Geschäfts mit Gelassenheit. Im vergangenen Herbst war bei Berger Darmkrebs diagnostiziert worden. Die Operation verlief erfolgreich. Das hektische Alltagsleben der Liga sieht er nun aus einer anderen Perspektive. Er hat genug erlebt in 33 Jahren als Trainer. „Ich möchte keine Erfahrung missen. Bei jedem Verein habe ich wichtige Dinge dazugelernt.“

Nur eine Ausnahme fällt Berger ein. „Was 1986 in Hannover abgelaufen ist, war sagenhaft. Das Umfeld war so chaotisch, dass ich nach fünf Spielen gesagt habe: So hat es keinen Zweck.“ Mitte Januar übernahm er die Mannschaft, Mitte März verabschiedete er sich. Immerhin schafften es die Bergers so doch noch Ostern in die Alpen. Das Wetter war ausgezeichnet.

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