Sport : Der Fakir und die Furie

Was Frankfurts Trainer Reimann zu seiner Tätlichkeit zu sagen hat

Andreas Morbach

Dortmund. Im Westfalenstadion lief die 39. Spielminute, als urplötzlich der Frankfurter Trainer Willi Reimann von seiner Bank hochschoss. Dortmund führte nach einer Unzahl von Chancen durch Ewerthons Tor (23. Minute) hochverdient 1:0. Eintracht-Verteidiger Henning Bürger, der eine Minute zuvor für ein Foul an Gambino bereits verwarnt worden war, rammte – wenngleich unabsichtlich – BVB-Angreifer Jan Koller den Arm ins Gesicht. Der riesenhafte Tscheche fiel wie ein Sack zu Boden, Bürger musste mit Gelb-Rot unter die Dusche – und Reimann tobte nun die Seitenlinie entlang, stieß den vierten DFB-Offiziellen Thorsten Schriever mit beiden Händen von sich – und wurde prompt des Arbeitsplatzes verwiesen.

„Ich war neugierig“, erklärte Reimann, nachdem er die zweite Hälfte im Bauch des Westfalenstadions vor einem Bildschirm verbracht hatte. „Ich wollte wirklich wissen, warum es für diese Aktion Gelb-Rot gegeben hatte“, betonte er und startete eine Art ersten Entschuldigungsversuch: „Wer mich kennt, weiß, wie ruhig ich sonst auf der Bank sitze.“ Seine prinzipielle Haltung wird dem Eintracht-Coach bei der anstehenden Sezierung der rüden Attacke aber voraussichtlich nicht als mildernder Umstand ausgelegt. Noch am Samstagabend teilte der DFB mit, sein Kontrollausschuss werde Ermittlungen gegen Reimann einleiten. Am heutigen Montag trudelt zunächst der Spielbericht von Referee Hermann Albrecht in der DFB-Zentrale ein. Danach wird über eine mögliche Anklage gegen Reimann entschieden, der sich erst am Sonntag auf Druck des Präsidiums entschuldigte und per Pressemitteilung wissen ließ, dass „mir der Vorfall ausgesprochen Leid tut“.

Am Samstag hatte es danach nicht ausgesehen. Matthias Sammer schaute verdutzt drein, als Reimann nach dem Spiel seinen Namen ins Spiel brachte und sagte: „Der Matthias“, erzählte Reimann und machte dabei eine deutliche Kopfbewegung nach rechts, „attackiert ja grenzenlos. Wie ein HB-Männchen, dagegen bin ich ein Waisenknabe.“ Und wo er schon einmal dabei war, wunderte sich der Frankfurter Cheftrainer auch gleich noch darüber, warum er für so viel Contenance nicht längst schon „eine Medaille gekriegt“ habe.

Willi Reimann zelebrierte im Presseraum des Dortmunder Westfalenstadions das Spielchen „Angriff ist die beste Verteidigung“ – und zwar in Perfektion. Denn selbstverständlich diskutierte Sammer beim überzeugenden 2:0 seines BVB gegen die Eintracht schon nach drei Minuten wieder einmal wie ein Besessener mit DFB-Beobachter Schriever. Doch Sammer wütet zwar sehr häufig, aber immer nur mit Worten. Ganz im Gegensatz zu Reimann: Der verfolgt Fußballspiele – zumindest auf den ersten Blick – meist mit fernöstlicher Gelassenheit. Doch regt er sich auf, dann wird der selbst ernannte Fakir anscheinend zur Furie.

„Ich denke, das war keine Tätlichkeit“, sagte der Eintracht-Coach bei der Pressekonferenz und zeigte mit dem Finger lieber auf Thorsten Schriever: „Er muss sich mir ja nicht in den Weg stellen und Rambo spielen.“ Seine Schubser gegen die Brust des DFB-Mannes seien „eine logische Abwehrbewegung“ gewesen, erläuterte Reimann noch und fragte sich, „ob er mich denn körperlich attackieren darf“.

Schlecht für Willi Reimann: Wie es aussieht, hat keine Kamera Schrievers angebliche Attacke dokumentiert, keine anderen Augen als seine eigenen haben sie beobachtet. Vielmehr fällt auf, dass sich die Aussetzer beim Übungsleiter der Frankfurter häufen. Vor drei Wochen erst ließ er sich im Rahmen einer Privatfehde mit Möller-Berater Klaus Gerster zu derben Kommentaren hinreißen. Er nannte Gerster, der ihm vorgehalten hatte, er könne keine großen Spieler neben sich dulden, „einen fürchterlichen Schmutzfinken“ und „ganz, ganz dummen Menschen“, den man, wie Reimann fand, „vom Hof jagen müsste – geteert und gefedert“.

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