Sport : Der Faktor Spaß

Trainer Doll und seine Methoden beim HSV

Karsten Doneck[Hamburg]

Der Volkspark ist ein grünes Kleinod, ruhig gelegen, wie es sich der stressgeplagte Großstädter wünscht. Mit der Ruhe war es indes an einem Vormittag in der vergangenen Woche vorbei. Da schallte aus der am Rande des Parks gelegenen AOL-Arena ohrenbetäubender Lärm herüber, wie ihn nur zigtausende von Fußballfans veranstalten können. Ein großes Fußballspiel? Mitten in der Woche? Und dann noch am Vormittag? Mancher Spaziergänger glaubte, seinen Gehörgängen nicht trauen zu können.

Wer daraufhin neugierig im Stadion nachschaute, wurde stutzig, entdeckte er dort doch nur knapp 200 Leute, die dem Training des Hamburger SV zuschauten. Des Rätsels Lösung: Fangesänge und -anfeuerungen dröhnten vom Band über die Lautsprecherboxen. Thomas Doll, der neue HSV-Trainer, hatte die Anweisung zur akustischen Arbeitsuntermalung gegeben. Er wollte schon mal die Stimmung simulieren, mit der seine Mannschaft beim kommenden Auswärtsspiel im Dortmunder Westfalenstadion konfrontiert werden würde. Es funktionierte. Der HSV gewann in Dortmund 2:0 – der erste Auswärtssieg seit dem 17. April. Heute im Heimspiel gegen den SC Freiburg erwartet den HSV indes wieder „echte“ Stimmung auf den Rängen.

Die Idee mit dem Kulissenkrach sei ihm ganz spontan gekommen, erklärte Thomas Doll. Findige Helfer hatten darauf flugs Kassetten herbeigeschafft, auf der die Stadionstimmung beim HSV-Heimspiel aus der Vorsaison gegen Leverkusen eingefangen worden war. Doll ist der neue Trainer, und neu sind auch seine Methoden.

Bescheiden und freundlich – so tritt Thomas Doll auf. „Ich will in jeder Übungseinheit Spaß vermitteln“, sagt er. Der Spaßfaktor schließt harte, konzentrierte Arbeit nicht aus. Der „liebe Thomas“ als Dauerzustand? Ausgeschlossen. „Wer das glaubt, der irrt sich“, betont Doll und meint, dass er durchaus schnell auf autoritäre Gangarten umzuschalten vermag. Erst vor zehn Tagen hat er Klaus Toppmöller als Trainer abgelöst. Toppmöller, 53 Jahre alt, Doll, 38 Jahre alt – der Altersunterschied drückt sich auch in den Arbeitsmethoden aus. Kaum im Amt, ließ Doll die Fernseher im Kraftraum abmontieren. Die Spieler hatten unter Toppmöller während des Muskeltrainings meist einen Musiksender laufen. Das lenke zu sehr ab, befand Doll.

Auch die Psychologie spielt eine große Rolle beim ehemaligen Nationalspieler. Nicht schlecht gestaunt haben die Profis, als sie während einer Übungseinheit die Order erhielten, nacheinander auf eine Anlage zu klettern, die wie eine Art Riesenföhn am Rande der Spielfläche zur Belüftung des Rasens herumstand. Von dort oben sollten sich die Spieler rückwärts nach unten fallen lassen. Unten stand eine größere Gruppe von Kollegen, um den Fallenden aufzufangen. „Vertrauen zueinander entwickeln“, hieß das Lernziel dieser Übung, sagte der Trainer.

Doll, der seinen Trainerlehrgang mit der Note 1,5 abgeschlossen hat, hat sich auch an die Krisenherde herangetastet. Beispiel: Emile Mpenza. Den glücklosen Stürmer nahm Doll fast täglich beiseite und redete auf ihn ein. Mpenza schoss dann in Dortmund das 1:0 für den HSV. Dass er sich danach vor lauter Glückseligkeit das weiße Trikot vom tiefbraunen Körper riss und dafür die Gelbe Karte sah, nahm ihm niemand übel.

Und dass bei Dolls erstem Training sechs Profis zu spät kamen – Grund waren Verkehrsstaus –, hat Doll nicht weiter bekümmert. So schien es. Intern müssen harte Worte gefallen sein. Am nächsten Morgen, Krafttraining war angesetzt, stemmten etliche Spieler die Hanteln schon vor der vereinbarten Zeit.

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