Sport : Der Faktor Zeit

Michael Rosentritt

Eine Fußball-WM im eigenen Land ist eine feine Sache. Dem Gastgeber bleibt eine kraftraubende Qualifikation erspart, das Volk steht hinter der Mannschaft und es werden Mittel frei, an die sonst nicht zu denken ist. Der Schatzmeister des Deutschen Fußball-Verbandes sprach von einem Imperium, das da aufgebaut worden war. Zahlen nannte er nie, aber er sprach von der Skepsis, ob das auch nach einer WM Bestand haben wird. Denn das Dumme an einem solchen Turnier ist: Es hat ein Ende. Nun hat der DFB die Fitness- und Mentaltrainer nicht wieder entlassen, und auch sonst hat sich wenig geändert, abgesehen von ein paar Intercontinentalflügen, die durch Jürgen Klinsmann Rücktritt wegfallen. Der Unterschied ist nicht mit Geld zu bezahlen: Zeit wird gebraucht, die neuen Anschaffungen und Strukturen weiter wirksam zu nutzen. Das Spiel gegen Irland zeigte, dass die Deutschen keine besseren Fußballer geworden sind, wie es der dritte WM-Platz suggeriert. Vielmehr waren aus ihnen zur WM fittere Fußballer geworden. Jetzt drohen sie wieder auf das Niveau vor der WM zurückzufallen.

Joachim Löw tut gut daran, die offensive Spielphilosophie seines Vorgängers fortzuführen. Ja, deutsche Fußballer können das. Sie können schnelles Passspiel praktizieren, sie können aggressiv vorwärtsverteidigen, sie können sogar schöne steile Pässe in die Spitze spielen. Doch diese Dinge setzten eine mehr als konkurrenzfähige Fitness voraus – seit Jahren das Manko des deutschen Fußballs. Nur so sind sie in der Lage, Gegner in der EM-Qualifikation zu dominieren.

Spielerisch werden die Deutschen die Defizite nicht aufholen. Dafür fehlt es einigen an Klasse und Raffinesse. Das wird vermutlich so bleiben, bis die Qualifikation irgendwie in der Tasche ist. Dann gibt es wieder eine schöne Turniervorbereitung. Und das, aber nur das, beängstigt dann auch wieder die Gegnerschaft.

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