Sport : Der Fall Baumann: "Jeder denkt sich irgendeine Geschichte aus"

Hat Sie das Urteil des Schiedsgerichtes der IAAF &

Arne Ljungqvist (69) ist seit 1981 Vize-Päsident des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF und zugleich Vorsitzender der Anti-Doping-Kommission der Förderation. Der Schwede, ein früherer Hochspringer, ist auch IOC-Mitglied.



Hat Sie das Urteil des Schiedsgerichtes der IAAF überrascht? Dieter Baumann wurde gesperrt, obwohl das entsprechende Gremium des Deutschen Leichtathletik-Verbandes den Läufer freigesprochen hatte?

Nein, dieses Urteil hatte ich erwartet. Schließlich war das die Empfehlung von unserer Anti-Doping-Kommission, nachdem wir uns den Fall angesehen hatten. Wir waren der Meinung, dass es sich um einen klaren Dopingverstoß handelte, deswegen haben wir das Council der IAAF gebeten, den Fall prüfen zu lassen. Das Council ist unserer Empfehlung gefolgt und hat den Fall den Regeln entsprechend an das Schiedsgericht weitergeleitet.

Verglichen zu anderen Fällen: War der Dopingfall Baumann aus Ihrer Sicht ein klarer oder eher komplizierter Fall?

Man kann Dopingfälle nicht miteinander vergleichen, sie unterscheiden sich alle voneinander. Wir untersuchen jeden Fall individuell.

Und wie sahen Ihre Kollegen in den Gremien den Fall?

Innerhalb der Anti-Doping-Kommission waren alle mit Ausnahme des deutschen Mitgliedes Clemens Prokop überzeugt von einem Dopingvergehen Baumanns. Das gleiche Bild gab es auch im Council der IAAF. Lediglich der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes Helmut Digel stimmte nicht für eine Weiterleitung des Falles an das Schiedsgericht. Insofern gab es in beiden Gremien eine sehr klare Meinung, dass es sich um einen Dopingverstoß Baumanns handelt.

Wie bewerten Sie, dass Baumann sich sicher ist, Opfer eines Anschlages geworden zu sein und auf zwei verunreinigte Zahnpastatuben verweist. Was halten Sie von der Version eines unbekannten Dritten als Täter?

Glauben Sie mir, ich habe in meiner Zeit in der Doping-Bekämpfung sehr, sehr viele unterschiedliche Geschichten gehört, wie irgendeine Substanz in den Körper des betreffenden Athleten gekommen sein soll. Jeder denkt sich irgendeine Geschichte aus. Entscheidend kann hier nur sein, ob uns der Athlet einen Beweis für seine Behauptungen liefern kann.

Das konnte Dieter Baumann nicht.

Genau. Deshalb war die Sache für uns klar: Es handelt sich um einen Dopingverstoß.

Der Anwalt von Dieter Baumann, Michael Lehner, geht mit recht forschen Sprüchen in die Öffentlichkeit. Unter anderem sagte er vor kurzem, die Anti-Doping-Regeln der IAAF werden den Fall Dieter Baumann nicht überleben.

Wie kommt er denn darauf?

Er argumentiert unter anderem, dass die "strict-liability"-Methode nicht anwendbar sei. Das heißt, man kann von einem beschuldigten Athleten nicht verlangen kann, einen 100-prozentigen Unschuldsbeweis zu liefern.

Strict liability oder nicht - entscheidend ist für uns allein, ob ein starker und vernünftiger Zweifel an dem Dopingvergehen vorliegt. Und das war bei Dieter Baumann nun mal nicht der Fall. Man kann nicht einfach sagen, hier hat mir jemand etwas untergemischt. Das sagen alle.

Was wäre passiert, wenn die IAAF dem deutschen Freispruch gefolgt wäre? Hätten andere gesperrte Athleten protestiert, hätten ihre Fälle möglicherweise sogar neu bewertet werden müssen?

Ich glaube nicht, dass wir bei der IAAF ältere Dopingfälle hätten neu aufrollen müssen. Aber wir müssen uns darüber im Klaren sein: wenn jemand so etwas behauptet und wir akzeptieren das, dann können wir ja eigentlich gleich unser gesamtes Anti-Doping-System vergessen.

Deutsche Leichtathletikfunktionäre haben scharf protestiert gegen das Urteil der IAAF.

Also das ist immer wieder so: Diejenigen, die aus dem Land des betroffenen Athleten kommen, bewerten den Dopingfall anders.

International scheint kaum jemand an die Zahnpasta-Geschichte zu glauben, wie sehen Sie das?

Nehmen wir einmal an, dieser Fall von Dieter Baumann mit der Zahnpasta-Story wäre in irgendeinem anderen Teil der Welt passiert, zum Beispiel in China - niemand hätte dieser Geschichte Glauben geschenkt.

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