Sport : Der Fall Bierofka

Hand in Leverkusen: Was sagt der Schiedsrichterbeobachter?

Erik Eggers

Leverkusen. Eine Begebenheit am Rande hat den erfahrenen Schiedsrichterbeobachter Günther Linn dann doch sehr irritiert. Es war nicht die Szene kurz vor Schluss des Spiels zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach, als Daniel Bierofka den Ball mit der Hand stoppte und ihn anschließend zum 2:2-Endstand ins Netz schießen konnte, weil Schiedsrichter Peter Gagelmann das Vergehen nicht gesehen hatte. Diese Szene hat Linn mit einer gewissen Routine zur Kenntnis genommen. „Das ist zwar schade“, sagt der Beobachter, „aber er hat es nun einmal nicht gesehen.“ Solche Fehler findet Linn nicht außergewöhnlich.

Außergewöhnlich fand er das Verhalten des Mönchengladbacher Trainers Hans Meyers. Linn, der selbst zwischen 1966 und 82 als Schiedsrichter in der Bundesliga war, berichtete einigermaßen perplex, dass Meyer in die Schiedsrichterkabine gekommen sei und sich „bei Gagelmann für die vorzügliche Leistung bedankt“ habe. Und zwar ohne jede Ironie, die den Gladbacher Trainer sonst auszeichnet. „Wenn der Schiedsrichter dieses Handspiel gesehen hätte, dann hätte er es auch gepfiffen“, hatte Meyer bereits in der Pressekonferenz gesagt, und auch in der Kabine habe er dem Schiedsrichter keine Vorwürfe gemacht. „Das habe ich unter diesen Bedingungen noch nie erlebt“, sagt Linn. Immerhin waren den Gladbachern durch die Fehlentscheidung zwei wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg abhanden gekommen. Linn lässt durchblicken, dass Meyer wegen seiner sportlichen Haltung einen Fair- Play-Preis verdient hätte.

Als Meyer in die Kabine kam, befanden sich Schiedsrichter Gagelmann und seine beiden Assistenten gerade beim Coaching. So nennt sich neudeutsch die Videoanalyse direkt nach dem Spiel, die in dieser Saison neu ist in der weltweit anerkannten DFB-Schiedsrichterschulung. Pro Spieltag werden in der Regel zwei Schiedsrichter ausgewählt, die unmittelbar nach dem Spiel die eigene Leistung mit fachkundiger Begleitung sezieren. Die Probanden für die Nachschulung sind entweder relativ junge Schiedsrichter wie der erst 34 Jahre alte Gagelmann, Schiedsrichter, die vor einem Aufstieg in eine höhere Schiedsrichterklasse stehen, und schließlich diejenigen, die bei ihren letzten Einsätzen stark kritisiert worden sind.

Von dem nicht erkannten Handspiel abgesehen, lieferte Gagelmann ein fast perfekte Leistung ab. In der ersten Halbzeit pfiff er nur einmal fälschlich Foul gegen die Gladbacher, als der Verteidiger Marcelo Pletsch Lucio den Ball abgrätschte. „Das hat man gesehen, dass der Gladbacher den Ball gespielt hat“, sagt Linn, „sonst hat er alles sehr korrekt gepfiffen.“ Positiv ist in Linns Bericht vermerkt, „dass er die Ermahnungen und Verwarnungen zum absolut richtigen Zeitpunkt ausgesprochen hat“, auch die Zeichensprache auf dem Platz sei vorbildlich gewesen.

In der aktuellen Diskussion über aufgeregte Trainer am Spielfeldrand vertritt Linn eine klare Meinung. „Das ist alles nur eine Frage des Strafmaßes“, sagt er und verweist auf die großen Unterschiede zwischen Europapokal und Bundesliga. „Am Samstag spielen die verrückt, da versuchen sie auf Biegen oder Brechen beim Schiedsrichter Einfluss zu nehmen“, sagt Linn. „Aber mittwochs, wenn die Geldstrafen der Uefa drohen, sind auch die deutschen Trainer lammfromm.“ Aber die Schiedsrichter seien nun einmal nicht für das Strafmaß zuständig, sondern nur für die Regelauslegung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben