Sport : Der Fall Dortmund

Während der kleine VfL Bochum in den Uefa-Cup einzieht, fehlen der Borussia Halt und Orientierung

Richard Leipold

Bochum - Dieser Saisonabschluss bedeutet für den VfL Bochum eine Art Quantensprung, dessen Dimension sich für die Spieler, für den Trainer, für den ganzen Verein erst allmählich erschließen dürfte. „Wir haben sechs Schritte auf einmal gemacht“, sagt Trainer Peter Neururer. Vermutlich hat er schon, als er diese Worte sprach, geahnt, wie schwer es werden dürfte, das Niveau und vor allem den fünften Tabellenplatz zu halten. Gedanklich mit der Zukunft konfrontiert, versuchte er das Spannungsverhältnis zwischen wunderbaren Aussichten und vernünftigen Ansichten aufzulösen. Neururer warnte vor „unrealistischem Anspruchsdenken“, um sogleich eine Relation aufzustellen, die vom Tabellenstand und vom Punktekonto gedeckt ist, für Bochumer Verhältnisse aber gewöhnungsbedürftig klingt. „Wir sind der deutschen Meisterschaft näher als dem Abstieg.“ Der fünfte Platz des VfL sei unglaublich: „Dagegen ist der Meistertitel für Werder Bremen die reinste Planwirtschaft.“

Im kapitalistischen System Bundesliga lässt sich eine Europapokalteilnahme für ein mittelständisches Unternehmen wie den VfL Bochum nicht planen. Dass ein international ausgerichteter, an der Börse notierter Fußball-Konzern wie Borussia Dortmund nach dem 1:1 in Kaiserslautern nicht einmal unter die ersten fünf des nationalen Klassements kommt, überrascht umso mehr. Während die Bochumer als Überraschungsgast im Uefa-Cup auftreten dürfen, muss der benachbarte BVB sich auf der Besetzungscouch des UI-Cups für höhere internationale Aufgaben empfehlen. Vor nicht allzu langer Zeit bewerteten die Dortmunder Fußball-Millionäre schon den Uefa-Pokal als „Cup der Verlierer“. Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen sind sie noch tiefer gefallen. Am Willen habe es seinem Personal nicht gefehlt, behauptet Trainer Matthias Sammer, „dafür aber an den spielerischen Mitteln, der sechste Platz entspricht der Realität“. Wie weit die Mannschaft von den Zielen des Vereins entfernt ist, zeigt Sammers Einschätzung kurz nach dem Schlusspfiff. Nach dem Tor des künftigen Bochumers Vratislav Lokvenc seien Erinnerungen „an die sechs Dinger von Berlin und die drei Gegentore von Leverkusen“ aufgekommen.

Der Vergleich zwischen Dortmund und Bochum macht deutlich, wie Erfolg und Misserfolg immer noch aus dem (wirtschaftlichen) Rahmen fallen können. Vor zwei Jahren war Dortmund Deutscher Meister und Bochum gerade aus der zweiten Liga aufgestiegen. Am Ende dieser Saison scheinen die riesigen Unterschiede vorübergehend eingeebnet, nicht nur in der Tabelle. Den Dortmundern blüht nun eine Personalpolitik, wie sie in Bochum seit Jahrzehnten üblich ist. Geschäftsführer Michael Meier sagt zwar, die wirtschaftliche Lage habe sich „nicht verschlechtert“. Aber die Borussia muss gute Spieler verkaufen, vermutlich sogar ihre besten. Manche scheinen schon mit dem Klub abgeschlossen zu haben. Diesen Eindruck hat zumindest Nationalspieler Sebastian Kehl, der seine „Perspektive weiter in Dortmund“ sieht. Manche Zitate von Mitspielern, die in den letzten Wochen kursierten, seien „nicht unbedingt positiv gewesen“, sagt Kehl. „Einige sollten sich mal Gedanken machen, wo sie denn hin wollen.“

Torsten Frings gilt weiter als Kandidat für den FC Bayern, Tomas Rosicky ist neuerdings beim FC Liverpool im Gespräch, und Leonardo Dedé, den Dortmund gern halten würde, kokettiert mit einem angeblichen Angebot von Inter Mailand. Bei Rosicky und seinem Landsmann Jan Koller zeigt die Geschäftsführung sich seit langem verkaufsbereit, wenn auch nicht „um jeden Preis“.

Das Defizit für das Ende der Spielzeit soll sich auf 50 Millionnen Euro hochrechnen. Wo ist der Emissionserlös von 180 Millionen Euro aus dem Börsengang im Oktober 2000 geblieben? Den Funktionären wird Misswirtschaft und Größenwahn vorgeworfen. Der Politik des Risikos, die in den vergangenen Jahren zu Ruhm und Titeln führte, folgt nun die Politik der Konsolidierung.

Da der Transfermarkt eine Spielwiese für Zocker und Spekulanten geworden ist, die Dortmunder aber „keinen Spieler unter Wert verkaufen“ wollen, wird es immer wahrscheinlicher, dass sie sich die von der Deutschen Fußball-Liga verlangte Liquidität auf dem Kapitalmarkt verschaffen. Nach monatelangen Dementis dürfte die Dortmunder Aktiengesellschaft doch noch mit dem Londoner Investmenthaus Stephen Schechter ins Geschäft kommen.

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