Sport : Der Fall Hannawald

Beim Neujahrsspringen stürzt der Titelverteidiger und wird nur Zwölfter – Primoz Peterka gewinnt in Garmisch-Partenkirchen

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen. Vielleicht fing es mit José Carreras an. Der Opernsänger hätte in der Pause des Neujahrsspringens von Garmisch-Partenkirchen auftreten sollen, doch der Tenor wollte nicht akzeptieren, dass er nur das Rahmenprogramm bilden sollte. Es ging weiter mit dem Popbarden Dieter Bohlen, der als Ersatzmann für Carreras verpflichtete wurde. Bohlen verpasste in Moskau das Flugzeug, das ihn nach Deutschland hätte bringen sollen. Und es hörte auf beim deutschen Skisprungteam, für das Sven Hannawald mit Rang zwölf das beste Resultat lieferte. Nichts lief beim gestrigen Neujahrsspringen so, wie es geplant war.

Sven Hannawald hätte als Erster sechs Springen bei der Vierschanzentournee in Folge gewinnen können. Doch der Vorjahressieger der Tournee stürzte nach seinem zweiten Sprung auf 124 Meter im Auslauf und musste zusehen, wie die Konkurrenten die vorderen Plätze unter sich verteilten. Vor 35 000 Zuschauern im Garmischer Olympiastadion sprang der Slowene Primoz Peterka am konstantesten und gewann mit 264,6 Punkten vor dem Österreicher Andreas Goldberger und dem Polen Adam Malysz. Beide kamen punktgleich mit 261,1 Zählern auf Rang zwei. Die größte Weite sprang der Finne Janne Ahonen mit 129 Metern, doch er stürzte ebenfalls. Sein fünfter Platz (255,6 Punkte) hinter dem Norweger Roar Ljoekelsoey (255,6 Punkte) reichte jedoch, um in der Gesamtwertung der Tournee die Führung zu übernehmen.

„Es war nicht unser glücklichster Tag heute“, sagte Bundestrainer Reinhard Heß. Martin Schmitt verpasste als 32. sogar die Qualifikation für den zweiten Durchgang, Michael Uhrmann und Georg Späth landeten auf den Rängen 26 und 28. Sven Hannawald fiel im Gesamtklassement nach zwei Springen auf Platz vier zurück.

Es war der Wettbewerb der Stürze. Alle drei Springer, die beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf vorne gelegen hatten, griffen in Garmisch-Partenkirchen in den Schnee. Bundestrainer Reinhard Heß sagte: „Es herrschten sehr schwierige Bedingungen.“ Auf dem schattigen Aufsprunghügel war der Schnee zu Eis gefroren. „Es ist eisig und hart, da rutscht der Ski gleich aus der Spur“, erklärte Sven Hannawald. Hinzu kommt, dass der Radius der Olympiaschanze sehr kurz ist, sodass mehr Druck auf den Springern lastet.

Dennoch riskierte Hannawald bei seinem zweiten Sprung viel. „Man kann nicht vorsichtig springen“, sagte der 28-Jährige, „dann kann ich mich ja gleich zu den Zuschauern stellen.“ Der Sprung war gut, nur die Landung nicht. „Ich habe versucht, den Telemark zu setzen, aber das ist in die Hose gegangen.“ Der Sieger von Oberstdorf verlor einen Ski und rutschte bis zur Werbebande. „Der Popo ist geprellt, und die Wade auch“, sagte Sven Hannawald. Bis zum dritten Springen übermorgen in Innsbruck sollte die Verletzung allerdings ausgeheilt sein. „Das braucht nur ein bisschen Ruhe, das ist der natürliche Weg der Heilung."

Auch Schmitts Ausscheiden stand im Zusammenhang mit einem Sturz. Im K.-o.- Durchgang sprang der Deutsche zehn Meter kürzer als sein Konkurrent Martin Höllwarth, doch der Österreicher war im Auslauf zu Boden gegangen. Vor oder nach der Sturzlinie?, lautet in diesem Fall die Frage. Wenn ein Springer vor der Sturzlinie den Untergrund berührt, gilt der Sprung als gestürzt, und die Kampfrichter müssen Punkte abziehen. Bei Höllwarth, der Zehnter wurde, werteten vier Punktrichter den Sprung als gestanden, nur einer sah ihn als gestürzt. Wolfgang Steiert ärgerte sich. „Klar gestürzt“, sagte der Kotrainer des deutschen Teams, „Höllwarth hat drei Meter vor der Linie in den Schnee gegriffen.“ Einen Protest zogen die Deutschen allerdings nicht in Betracht. „Das passiert im Skispringen“, sagte Steiert.

Schmitts Weite genügte nicht, um sich unter die besten Verlierer des ersten Durchgangs zu schieben. Als 32. verpasste er den Finaldurchgang. „Man muss das akzeptieren“, sagte Schmitt, „Martin Höllwarth ist verdient weitergekommen.“ In der Gesamtwertung hat der 24-Jährige nun keine Chancen mehr auf den Sieg, doch das war ohnehin nicht sein Ziel. Der vierte Platz von Oberstdorf war nach seiner langen Verletzungspause bereits eine positive Überraschung. Die beste Ausgangsposition auf den Gesamtsieg hat nun Janne Ahonen mit neun Punkten Vorsprung auf Primoz Peterka. „Es gibt sechs Springer die die Tournee gewinnen können“, sagte Bundestrainer Heß. Auch Hannawald? „Er ist gestürzt und hat trotzdem nur 14,9 Punkte Rückstand“, sagte Steiert, „normalerweise müsste er mit sechs Punkten führen.“

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