Der Fall Israel : Sport und Politik: Wenn Gegner zu Feinden werden

Der Sport rühmt sich gerne, selbst verfeindete Länder zusammenzuführen. Aber im Fall von Israel stimmt diese Geschichte einfach nicht. Eine Kolumne.

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Sieger ohne Lied: Der Ringer Tal Flicker ist Israeli, in Abu Dhabi wurde die israelische Hymne für ihn einfach nicht gespielt.
Sieger ohne Lied: Der Ringer Tal Flicker ist Israeli, in Abu Dhabi wurde die israelische Hymne für ihn einfach nicht gespielt.Foto: AFP

Tal Flicker hatte gerade das Finale gewonnen, doch bei der Siegerehrung erklang statt der Hymne seines Landes die des Internationalen Judoverbands. Wenn es nach den Veranstaltern des kürzlich ausgetragenen Grand Slam in Abu Dhabi gegangen wäre, hätte Flicker gar nicht gewinnen dürfen – er kommt aus Israel. Der Judoka machte das Beste daraus und sang die israelische Hymne trotzdem.

Der Sport erzählt gerne die Geschichte, dass er es schaffe, selbst verfeindete Länder zusammenzuführen. Weil er eine universelle Sprache spreche, seine Regeln für jeden gelten und alle eine große Familie seien. Nur im Fall von Israel stimmt diese Geschichte einfach nicht. Da ist ein sportlicher Gegner nicht mehr nur ein Athlet, sondern Todfeind. Wie jetzt wieder in Abu Dhabi. Nach den Olympischen Spielen und der Weltmeisterschaft zählt der Grand Slam zu den wichtigsten Wettbewerben im Judo. Schon bei der Einreise hatten israelische Sportler Schwierigkeiten und ihre Landesfahne durften sie auf ihren Judo-Anzügen nicht zeigen.

In der olympischen Charta steht: „Jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen ist mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar.“ Ach wirklich? Selbst auf der olympischen Bühne spielen sich hässliche Szenen ab. Zuletzt in Rio de Janeiro. Auf dem Weg zur Eröffnungsfeier blockierten libanesische Sportler den Eingang zu ihrem Bus, weil Athleten aus Israel zusteigen sollten. Beim Judoturnier verweigerte der Ägypter Islam El Shehaby den Handschlag seines israelischen Gegners Or Sasson. Es gibt wenig Gesten, die schöner sind als eine ausgestreckte Hand. Immerhin wurde der Ägypter von seinem Nationalen Olympischen Komitee nach Hause geschickt. Wenn es gegen Israel geht, hört Sport manchmal ganz auf, Sport zu sein.

Sportler treten nicht an, wenn Israelis mitmachen

Der Beste soll gewinnen, das ist die einfache Logik. Aber regelmäßig treten Sportler gar nicht an, wenn sie wissen, dass sie auf einen israelischen Gegner treffen. Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili galt bei den Spielen in Athen 2004 als Favorit auf die Goldmedaille. In der ersten Runde wurde ihm Ehud Vaks zugelost – aus Israel. Beim offiziellen Wiegen war er zwei Kilo zu schwer, der Kampf fand nicht statt. Macht ein Weltmeister einen solchen Anfängerfehler? Vom damaligen iranischen Staatspräsidenten Mohammed Chatami ist der Satz überliefert, Miresmaeilis Schritt sei eine „nationale Ruhmestat", weil er "aus Protest gegen Massaker, Terror und Besetzung auf eine sichere Olympiamedaille“ verzichtet habe. Der Sportler bekam 125 000 Dollar ausgezahlt, die gleiche Summe wie die Olympiasieger aus dem Iran.

Gesperrt wurde der Athlet vom internationalen Verband übrigens nicht. Es gab ja schließlich die offizielle Begründung mit dem Übergewicht. Manchmal ist es auch einfach „Müdigkeit“, wie bei Mohammed Alirezaei, der gleich zweimal nicht mit einem Israeli im selben Becken schwimmen wollte. Er kommt ebenfalls aus dem Iran, sein Land führt auch im Sport die Liste derjenigen an, die Israel nicht anerkennen.

Einfach nicht zum Wettkampf zu erscheinen, ist ein Betrug wie Doping – nur umgekehrt. Hier liegt eben die Manipulation darin, sich absichtlich schlecht zu machen oder krank zu melden. Nur dass die Sportverbände diesen Betrug fast immer noch hinnehmen. Den des Einzelnen oder den des Landes, denn einige Sportler haben auch schon berichtet, gezwungen worden zu sein, nicht gegen israelische Sportler anzutreten. Zu den Ausnahmen gehört der Internationale Tennis-Verband, der Tunesien vom Davis Cup ausschloss, weil Malek Jaziri bei einem Challenger-Turnier im Viertelfinale auf Anordnung seines Verbands nicht gegen den Israeli Amir Weintraub gespielt hatte.

Die Dimension ist so groß, dass das Internationale Olympische Komitee als höchster Sportverband darauf grundsätzlich reagieren müsste. Zumal das Attentat auf die israelische Delegation bei den Spielen in München 1972 das dunkelste Kapitel der olympischen Geschichte ist. Das IOC hätte drei Handlungsmöglichkeiten. Entweder es sanktioniert die boykottierenden Länder. Bislang umarmt es in grenzenloser Harmoniesucht jedoch selbst die autoritärsten Regime. Oder es entwickelt einen rekordverdächtigen diplomatischen Ehrgeiz. Wenn es den Iran davon überzeugen könnte, israelische Sportler wie alle anderen zu behandeln, hätte es auf jeden Fall eine Goldmedaille verdient. So lange das IOC weder sanktioniert noch überzeugt, käme Möglichkeit drei in Frage: einzugestehen, dass der Anspruch seiner Regeln zu hoch ist, um ihn durchzusetzen.

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