Der Fallrückzieher wird 100 : Aus der Mine in die Lüfte

Vor genau hundert Jahren zeigte ein chilenischer Bergbauer in Talcahuano den womöglich ersten Fallrückzieher in der Geschichte des Fußballs - auf Spanisch heißt es immer noch "la chilena". Eine Spurensuche.

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Wayne Rooneys Tor gegen Manchester City 2011 zählt zu den besten Fallrückziehertore der Geschichte.
Wayne Rooneys Tor gegen Manchester City 2011 zählt zu den besten Fallrückziehertore der Geschichte.Foto: dpa/picurealliance

Sie sind die Könige des Fußballs: Spieler, die den Ball mit dem Fuß in einer Höhenlage treffen, die selbst für manchen Kopfballspezialisten unerreichbar ist – und die das Spielgerät so auch noch ins Tor befördern. Vielbegabte Kicker wie der Exturner Hugo Sanchez und der Kampfsportler Zlatan Ibrahimovic haben Schönheitspreise für ihre Tore durch Fallrückzieher eingeheimst. In Deutschland wurde der Fallrückzieher vor allem durch Klaus Fischers Länderspieltore 1977 gegen die Schweiz und 1982 im WM-Halbfinale gegen Frankreich eingeführt. Der tragischste Held der Fallrückziehergeschichte ist aber wohl Karl-Heinz Rummenigge. Ihm erkannte 1984 im Europapokal-Spiel von Inter Mailand gegen die Glasgow Rangers der spätere Schiedsrichter-Obmann Volker Roth den Treffer wegen gefährlichen Spiels ab.

Wegbereiter für solch artistische Treffer war ein junger baskischer Auswanderer, der in seiner neuen Heimat Chile vor genau hundert Jahren den ersten nachgewiesenen Fallrückzieher in einem Spiel einsetzte. Der damals 19 Jahre alte Ramon Unzaga vollbrachte damit ein wahres Kunststück, das in einer späten Würdigung der Kolonialismus-Kritiker und Fußball-Liebhaber Eduardo Galeano so beschrieb: „Mit dem ganzen Körper durch die Luft, den Rücken zum Boden, schossen die Beine mit einem plötzlichen Überschlag den Ball nach hinten.“ Ereignisort war das Stadion Morro in der südchilenischen Hafenstadt Talcahuano. Es trägt heute seinen Namen.

Unzaga muss wie manche seiner Nachfolger ein kompletter Athlet gewesen sein. Chronisten erwähnen herausragende Leistungen im Schwimmen und in der Leichtathletik. Auf sich aufmerksam machte Unzaga zuerst in der Betriebsmannschaft der Kohlenmine der deutsch-chilenischen Unternehmerdynastie Schwager. Später wechselte er in die Fußballschule des wichtigsten Marinestützpunktes von Chile. Schon recht früh zeigte er dabei seinen beeindruckenden Trick. Er soll ihn später sogar mehrfach in einem einzigen Spiel eingesetzt haben.

Ramon Unzaga hätte es allerdings zu kaum mehr als einer lokalen Berühmtheit gebracht, wenn er nicht auch 1920 bei den Südamerika-Meisterschaften die Gelegenheit zur Akrobatik genutzt hätte. Die mitgereisten Berichterstatter aus den großen Fußballnationen Argentinien, Brasilien und Uruguay nannten das Kunststück fortan nur noch „la chilena“ – die chilenische.

Als „la chilena“ erreichte die spektakuläre Nummer schließlich auch Europa. Und im Gegensatz zu Unzaga, der als gelernter Innenverteidiger seine Schussvariante wohl ausschließlich zur Verteidigung nutzte – jedenfalls ist kein Tor auf diese Art von ihm überliefert –, setzte sie sieben Jahre später während einer Europa-Tour des Santiagoer Kultklubs Colo Colo der Chilene David Arellano auch offensiv ein. Er erzielte 1927 gegen Spanien auf diese Art und Weise den ersten bekannt gewordenen Treffer. Noch heute heißt der Fallrückzieher in der spanischsprachigen Welt „la chilena“.

Außer in Peru. Im Andenstaat firmiert das Kunststück als „la chalaca“ – die aus Callao. Es soll in eben dieser Hafenstadt schon in den 1890er Jahren in Fußballspielen zwischen Einheimischen und englischen Seeleuten gezeigt worden sein. Von dort soll es mit den Matrosen in die chilenischen Häfen gewandert sein. Zu den Verfechtern dieser Theorie gehört der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

Vielleicht hat das Mutterland des Fußballs sogar noch größere Anteile an der Entwicklung des „bicycle kicks“. Ein Bild des 1872 anlässlich des ersten offiziellen Länderspiels in der Fußballgeschichte zwischen England und Schottland erschienenen Sportmagazins „The Graphic“ zeigt einen bemützten Spieler in horizontaler Lage, dessen rechtes Bein sich auf Höhe des Kopfes befindet und im Begriff ist, den sich in der Luft befindlichen Ball zu treffen. Waren also bereits Schotten und Engländer die ersten Akrobaten in Sachen Fallrückzieher? Und hatten die Hafenarbeiter von Callao sich womöglich den Trick von den kickenden Seeleuten aus Übersee abgeschaut? Von einem früheren Wayne Rooney vielleicht? Der entscheidende Treffer des rauflustigen Mittelstürmers von Manchester United im Derby gegen Manchester City vor drei Jahren rangiert jedenfalls hoch oben in der Liste mit den zehn schönsten Fallrückziehertoren.

Konkretere Belege für frühere Fallrückzieher vor 1914 gibt es bislang aber nicht. Und so darf man also den Januar 1914 weiterhin als Geburtsmonat festhalten – und die Geschichte des jungen Migranten Ramon Unzaga, der es vom Bergwerk bis in die Nationalmannschaft seiner zweiten Heimat schaffte, und seiner Kunstschüsse ruhigen Gewissens weitererzählen.

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