Sport : Der falsche Blickwinkel

Hellmut Krug

erklärt Lutz Wagners Problem beim Foul an Yildiray Bastürk 60. Minute im Berliner Olympiastadion. Nach einem Pass von Marcelinho legt Herthas Bastürk im Strafraum den Ball an Bremens Torwart Reinke vorbei. Reinke rutscht auf Bastürk zu, Bastürk hebt ab und fällt über Reinke. Schiedsrichter Wagner lässt weiterspielen. Hätte Bastürk sich umtreten lassen müssen, um den Elfmeter zu bekommen?

Nein. Ein Spieler hat selbstverständlich das Recht, sich zu schützen, und kann beispielsweise durch Hochspringen versuchen, der Attacke seines Gegenspielers zu entgehen. Trotzdem ist eine solche Aktion natürlich ahndungswürdig, wenn der gefoulte Spieler in seinem Lauf oder beim Weiterspielen beeinträchtigt wird. Für den Pfiff des Schiedsrichters ist also kein Körperkontakt zwingend notwendig.

Aus der Position von Lutz Wagner (seitlich und etwas nach hinten versetzt) hat es aber so ausgesehen, als ob Bastürk seinen Lauf abrupt abgebrochen und sich dann mit einer Art Hechtsprung sehr früh über Reinke geworfen hätte, allein in der Absicht, einen Strafstoß zu schinden. Diesen Eindruck konnte man durchaus auch bei der ersten Kamera-Einstellung in der ARD-Sportschau gewinnen. Erst bei der direkten Perspektive von hinten, gleichzeitig auch die Perspektive des Passgebers Marcelinho, nicht aber die des Schiedsrichters, lassen die Fernsehbilder den Schluss zu, dass tatsächlich ein Foul vorlag.

Es spielt bei der Beurteilung solcher Szenen natürlich keine Rolle, welcher Spieler (vermeintlich) gefoult worden ist. Obwohl es auch zur Vorbereitung des Schiedsrichters gehört, sich mit Spielertypen zu beschäftigen, darf dies nicht zu Voreingenommenheit führen. Jede einzelne Szene muss für sich beurteilt werden. Der Schiedsrichter muss aufgrund seiner Erfahrung und anhand bestimmter Indizien blitzschnell entscheiden, ob ein Spieler abhebt, um einen Freistoß zu schinden, oder ob ein strafbares Foul vorliegt. In vielen Fällen, wie auch hier, spielt der Blickwinkel des Schiedsrichters eine entscheidende Rolle.

Die Aufregung der Verantwortlichen von Hertha ist einerseits verständlich. Andererseits konnte sich Trainer Falko Götz gerade aus seiner Bankposition unmöglich sofort sicher sein, dass Bastürk elfmeterreif gelegt worden war. Daher wäre etwas mehr Zurückhaltung bei der Beurteilung von Schiedsrichterentscheidungen durchaus wünschenswert. Vor allem müssen alle Beteiligten unbedingt vermeiden, dass durch ihre Äußerungen der Eindruck entstehen könnte, der Schiedsrichter hätte einen Fehler absichtlich gemacht. Für Fehler der Schiedsrichter können viele Gründe verantwortlich sein, in keinem Fall aber Absicht. Und auch sollte niemand vergessen: dass Hertha das Spiel nach einem Elfmeterpfiff gewonnen hätte, ist reines Wunschdenken. Es steht ja nicht einmal fest, dass der Strafstoß verwandelt worden wäre.

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