Sport : Der Fan als störendes Wesen

Warum Stadionzuschauer beim Fußball ein Fluch sind – und ein Segen sein können

Wolfram Eilenberger

Wer die wahre Bedeutung von etwas erfassen will, muss dafür sorgen, dass dieses Etwas fehlt. So denkt offensichtlich auch die Uefa, die uns mit schöner Regelmäßigkeit die Bedeutung des Stadionzuschauers für den Fußball veranschaulicht, indem sie ihn aussperrt. Wie wirkt ein Spiel vor leeren Rängen? Unheimlich. Beklemmend. Gespenstisch. Thomas Mann hat den Tod einmal als den Zustand definiert, in dem ein Mensch begreift, dass ihm niemand mehr zuhört, niemand mehr zusieht. Da ist was dran. Ein menschenleeres Stadion, wie Leverkusen es vergangenen Mittwoch in Rom vorfand, empfinden die Spieler als Hölle auf Erden. Die Leere raubt ihrem Tun jeden Sinn, lässt sie gar an der Wirklichkeit ihres Handelns zweifeln.

Ohne Zuschauer entwickelt sich kein sehenswertes Spiel. Es ist niemand anderes als der Zuschauer, der das Spiel zu einem Ereignis werden lässt, das Zuschauer anzieht . Wenn er ins Stadion marschiert, tut der Zuschauer dies in der Gewissheit, das Spiel gezielt zu beeinflussen. Bereits seine körperliche Anwesenheit, glaubt er, helfe seinen Helden beim Siegen, nicht zu reden von seinem engagierten Einsatz, seinem gezielten Anfeuern und Schmähen.

Vertraut man Sportwissenschaftlern, ist dieser Glaube allerdings irrig. Datenreiche Studien legen nahe, dass der Stadionfan seiner Mannschaft eher schadet. Anstatt sein Team zum Sieg zu brüllen, stört er die Konzentration der Stars, anstatt ihnen durch Präsenz den Rücken zu stärken, sorgt er für leistungsmindernden Erwartungsdruck. Je spürbarer die Anwesenheit der Zuschauer für die Spieler wird, desto schlechter steht es um ihre Fußballkunst. Sportpsychologisch gesehen beruht damit die gesamte Existenz des Profifußballs auf einem fatalen Missverständnis.

Der wissenschaftlich aufgeklärte Zuschauer weiß sich in diesem Dilemma, und auch die Spielerpsyche pendelt widersprüchlich zwischen zwei Höllen: dem bedrohlichen Hexenkessel eines ausverkauften Hauses und der grauenhaften Sinnlosigkeit des Geisterspiels. Aus der Perspektive des Aktiven gibt es noch einen weiteren spielentscheidenden Zuschauer. Es ist der Zuschauer, den wir im Innern mit uns tragen und der alle unsere bewussten Handlungen begleitet – gemeinhin wird er das „Ich“ oder „Selbst“ genannt. Solange dieses „Ich“ einem Fußballer während des Spiels über den Rücken schaut, solange es jede seiner Aktionen begleitet und bewusst steuert, so lange spielt er nicht das, was er kann und soll. Jeder, der weiß, was Sport ist, weiß aus eigener Erfahrung: Erst, wenn dein innerer Zuschauer endlich die Klappe hält, bist du wirklich drin im Spiel. Ist dieser wundervoll fokussierte Zustand der Selbstvergessenheit erreicht, können dir auch die Gröler auf den Rängen nichts mehr anhaben. Die Fähigkeit, über 90 Minuten in diesem Zustand fokussierter Zuschauerlosigkeit zu verweilen, egal, wie viele Menschen im Stadion sind, unterscheidet den Champion vom gemeinen Rest, zumindest aber die gute von der schlechten Leistung.

Sollte dies stimmen, hat die Anwesenheit des Zuschauers nur für solche Spieler eine Bedeutung, die nicht richtig im Spiel sind. So erkannt, ist der engagierte Stadionzuschauer eines der widersprüchlichsten Wesen, das sich denken lässt. Entweder er erreicht mit seiner Anwesenheit gar nichts, oder aber sein Einfluss mindert die Qualität. Die Anwesenheit des Zuschauers bewirkt, dass er in der Regel nicht das zu sehen bekommt, worauf er eigentlich hofft. Ein aufgeklärter Freund guten Fußballs bleibt deshalb zu Hause.

Mit dieser fußballfeindlichen These darf kein Artikel enden. Es muss auch einen positiven Effekt unserer Stadionpräsenz geben. Möglicherweise liegt er darin, dass wir den Spielern jene Höchstkonzentration abverlangen, die zu dem mentalen Zustand führt, in dem wir ihnen nichts mehr anhaben können. Geschieht dies, profitieren nicht zuletzt wir Zuschauer davon. Denn während eines Spiels, das von selbstvergessenen Spielern gespielt wird, pflegen auch wir Zuschauer uns zu vergessen. Es gibt diese Stadionerfahrung kollektiver Selbstvergessenheit, in der die Grenze zwischen Zuschauer und Spieler verschwimmt und sich alle im Spiel verloren fühlen. In diesen wundervollen Momenten ist es gespenstisch still. Unheimlich. Befreiend. Ganz nah am Paradies.

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