Sport : Der fast perfekte Wurf

Hammerwerferin Betty Heidler feiert den besten Wettkampf ihrer Karriere

Frank Bachner
296088_0_c0668253.jpg
Schwarz-Rot-Heidler.ddp

Ein bisschen flach sei der Wurf gewesen, der Hammer hätte noch eine Spur optimaler fliegen können. Das sagte Michael Deyhle natürlich erst später, im Hotel. Er hütete sich, solchen Kleinkram Betty Heidler mitten in der Jubelfeier zuzubrüllen, sie hätte ihn ja sowieso nicht verstanden. Knapp 60 000 Zuschauer im Olympiastadion feierten mit tosendem Applaus diese Frau mit den roten Haaren, die mit einer flatternden Deutschlandfahne über die Bahn rannte. Deyhle, ihr Trainer, feierte mit. Heidler hatte 77,12 Meter geworfen, neuen deutschen Rekord also, sie hatte Silber gewonnen, ihre Vereinskollegin Kathrin Klaas hatte als Vierte persönliche Bestleistung erzielt (74,23), ja Herrgott, was will er denn mehr?

Den Titel? Gut, der ging an die Polin Anita Wlodarczyk. Aber die hatte 77,96 Meter geworfen, das war Weltrekord. Und Weltrekord war für die Titelverteidigerin Heidler an diesem Abend nicht drin. 77,12 Meter waren das Optimum. „Für mich“, sagt sie grinsend, „war der Wurf nahezu perfekt.“ Auch wenn die Flugkurve zu flach war.

Heidler hatte jede Minute dieses Finales aufgesogen, so einen Wettkampf würde sie möglicherweise nie mehr erleben. „Das war der hochwertigste Hammerwurf-Wettbewerb, den es je gab“, sagte sie. Weltrekord, vier Athletinnen über 74 Meter und Heidler selber schleuderte die Eisenkugel in fünf von sechs Versuchen auf eine Weite, die ihr Silber garantierte. Aber die magischsten Augenblicke dieses Abends, das waren die Minuten, als Heidler und alle anderen Werferinnen dieses Stadion für sich hatten. Kein anderer Wettbewerb lief, alle blickten auf die starken Frauen. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte die 25-Jährige. „Vor allem, weil es in Berlin war, meiner Heimatstadt.“ Betty Heidler wurde in Marzahn geboren, die Familie lebt immer noch dort. Uropa Martin Riefstahl wäre stolz auf seine Urenkelin gewesen. Uropa Martin trug 1936 bei den Olympischen Spielen ein paar Minuten die Fackel, außerhalb des Stadions, als Hochspringer.

Noch auf der Tribüne kamen russische Trainer zu Deyhle und gratulierten. Das war mehr als eine Höflichkeitsgeste. „Das war das größte Kompliment, das man bekommen kann“, sagte Deyhle. Bis vor zwei Jahren ignorierten die Russen diese komischen Deutschen schlichtweg. Bis Betty Heidler den WM-Titel gewann. „Die haben gedacht, sie hätten den Hammerwurf für sich gepachtet“, sagt die 25-Jährige. „Die haben über uns nur gelächelt.“

Dass die Russen jetzt nicht mehr lächeln, sondern gratulieren, das steht für ein Symbol. Es gibt nicht mehr diese roboterhafte Dominanz der osteuropäischen Werferinnen, die auf die Medaillen programmiert sind. Und warum sie das waren, dafür gibt’s die sattsam bekannten Indizien und Fakten. Bronze gewann gestern Martina Hrasnova aus der Slowakei, wegen Dopings gesperrt zwischen 2003 und 2005. Sechste wurde Tatyana Lysenko aus Russland, Weltrekordhalterin bis zu Wlodarczyks Wurf, wegen Dopings gesperrt von Mai 2007 bis Mai 2009. „Lysenko hat zwar fünf Meter weniger geworfen als früher“, sagte Deyhle, „aber sie hat diesen sechsten Platz sauber erreicht. Da habe ich Respekt.“ Fast hätte ja auch die Deutsche Kathrin Klaas Bronze gewonnen.

Osteuropa ist natürlich nicht zur dopingfreien Zone geworden, die Fälle der jüngeren Zeit beweisen es ja. Aber zumindest gehen die Verantwortlichen jetzt vorsichtiger vor. Dass die Weltrekordlerin Lysenko eher eine geringe Gefahr für sie darstellen würde, das hatte Betty Heidler jedenfalls schon beim Einwerfen gesehen. „Da waren ihre Weiten nicht berühmt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben