Der fast vergessene Star : Fatmire Bajramaj: Nicht mehr allein

Gegen Kanada und Nigeria war sie nur Ersatz. Doch im Duell mit den Französinnen bekommt Fatmire Bajramaj ihre Chance und kann endlich auch wieder auf dem Platz überzeugen.

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Glücklich. Fatmire Bajramaj ist nach dem Sieg gegen Frankreich nicht mehr nur das Gesicht der WM.
Glücklich. Fatmire Bajramaj ist nach dem Sieg gegen Frankreich nicht mehr nur das Gesicht der WM.Foto: dapd

Allein konnte sie das unmöglich bewältigen. Fatmire Bajramaj blickte sich um und winkte einen Ordner herbei, der sie hinaufschob auf die Westtribüne des Mönchengladbacher Stadions. Dort hatten mehr als 60 ihrer Freunde und Angehörigen miterlebt, wie die deutsche Mannschaft Frankreich in einem mitreißenden Spiel den Gruppensieg entrissen hatte. Und so wurde dort auf den Rängen von Mönchengladbach, wo Bajramaj aufgewachsen ist, geherzt, gehüpft, geküsst. Sie kostete diesen Moment aus. Wenige Minuten später aber besann sie sich und kletterte wieder hinunter auf den Rasen. Zur Mannschaft, deren Teil sie an diesem Donnerstagabend endlich geworden war.

Allein geht es nicht, das hat Bajramaj in den vergangenen Wochen schmerzlich erfahren. Vielleicht war das alles ein wenig zu viel für eine 23 Jahre junge Frau. Auf einmal jemand zu sein, gefragt zu sein, viel Geld zu verdienen in einem Sport, in dem es eigentlich nichts zu verdienen gibt. Und diejenige zu sein, die das ändern soll. Allein.

Fatmire Bajramaj lächelt in diesem Sommer von fast jedem Plakat. Ihre Flüchtlingsgeschichte aus dem Kosovo kennt inzwischen das ganze Land, auch die Schwierigkeiten mit ihrem muslimischen Vater, der nicht wollte, dass sie Fußball spielt. Bajramaj war auserkoren, das Gesicht dieser Mannschaft zu werden, der Star der WM im eigenen Land.

Doch dann ging irgendwie alles schief. Bundestrainerin Silvia Neid nahm sie schon in den Testspielen nicht in die Startformation. Wenn sie auf den Platz kam, wirkte sie verkrampft, verlor den Ball, überraschte mit Fehlpässen. Nichts war mehr zu sehen vor der Leichtigkeit der jungen Frau, die im Vorjahr auf Platz drei der Weltfußballerinnen gewählt wurde.

Nach den Testspielen sprachen alle über Alexandra Popp, nach dem Auftaktspiel gegen Kanada über Celia Okoyino da Mbabi. Nicht einmal als Melanie Behringer sich im zweiten Gruppenspiel gegen Nigeria verletzte, nahm Neid Bajramaj in die Mannschaft. Immer häufiger fiel ihr Name in Verbindung mit den Worten Absturz oder Scheitern.

Hatte Fatmire Bajramaj bei all dem Medienzirkus den Fokus auf den Fußball verloren? Oder hat sie den Fokus verloren, weil ihr alle gesagt haben, dass sie den Fokus verloren hat? „Eine Freundin hat zu mir gesagt: Hör’nicht auf die anderen. Stell dir einfach vor, du spielst im Wald!“, erzählte die 23-Jährige, als sie sich die ganze Last von den Schultern gespielt hatte. Weil Behringer noch nicht fit war, bekam Bajramaj gegen Frankreich ihre Chance.

„Lira war heute agil und aktiv und hat auch defensiv gut gearbeitet“, sagte die Bundestrainerin nach dem Spiel und lobte: „Es war eine Leistung, über die ich mich sehr freue“. Ohne den Zeitdruck nach einer Einwechslung und mit dem Rückhalt des Heimspiels kamen Bajramajs Stärken wieder zum Vorschein: Ihre Schnelligkeit, ihre Dribbelstärke und ihre herausragende Technik.

Allerdings auch das alte Problem der Ballverliebtheit. „Ab und zu hat sie den Zeitpunkt fürs Abspiel verpasst“, sagte Silvia Neid. Bajramaj grinste nur: „Das kennt man ja von mir, dass ich oft gern den Ball ein bisschen länger halte als die anderen.“

„Der Knoten ist geplatzt, es hat wieder total Spaß gemacht“, sagte Bajramaj nach einem Abend, an dem sie sogar noch zwei Tore hätte machen können. Doch nachdem Frankreichs Torhüterin Bérangère Sapowicz sie von den Beinen geholt hatte, musste sie von der Seitenlinie mit ansehen, wie Inka Grings den anschließenden Elfmeter verwandelte. Es schien ihr nichts auszumachen. Vielleicht ist sie inzwischen froh, dass sie nicht mehr alles allein machen muss.

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