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Der FC Bayern München in der NS-Zeit : Eine Enthüllung, die keine ist

Wie antisemitisch war der FC Bayern in der Nazi-Zeit? Weniger als andere und weniger, als im aktuellen "Spiegel" behauptet wird. Eine Replik.

Dietrich Schulze-Marmeling
Die Bayern-Fans haben den ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer, der wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt wurde, mehrfach mit Choreographien gewürdigt.
Die Bayern-Fans haben den ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer, der wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt wurde,...Foto: imago/MIS

Mit eindrucksvollen Choreografien haben die Fans des FC Bayern München mehrmals den ehemaligen Vereinspräsidenten Kurt Landauer gewürdigt, der wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt worden war. Wie antisemitisch der Fußballklub selbst war, damit hat sich nun der „Spiegel“ beschäftigt und sieht den Verein in schlechterem Licht als bisher angenommen. Darauf antwortet hier der Autor Dietrich Schulze-Marmeling. Sein „Der FC Bayern und seine Juden“ wurde 2011 zum Fußballbuch des Jahres gewählt.

„Neue Forschungen korrigieren das Bild des FC Bayern als Verein, der in der NS-Zeit Distanz zu den Nazis hielt. Vor allem bei der Arisierung ging der Klub ungewöhnlich gewissenhaft vor.“ So lautet der Appetizer eines Artikels im aktuellen „Spiegel“, der sich allerdings als eine Mischung aus längst bekannten Dingen und einer guten Portion Hochstapelei entpuppt.

Der „Spiegel“ präsentiert Bekanntes als Enthüllung

Der Berg hat also gekreißt und – noch nicht einmal – eine Maus geboren. Der Berg ist der „Historiker“ Markwart Herzog. So stellt jedenfalls der „Spiegel“ seinen Kronzeugen vor. Herzog ist allerdings kein „Historiker“ (ich bin es auch nicht), sondern Religionsphilosoph. Der „Spiegel“ präsentiert als Enthüllung, dass schon die Münchner Vereinsführer Oettinger und Amesmaier den Nazis nahestanden beziehungsweise NSDAP-Mitglied waren. Diese „Enthüllung“ kann man allerdings bereits in meinem Buch „Der FC Bayern und seine Juden“ lesen, 2013 überarbeitet und ergänzt erschienen. Dort erfährt man auch, dass das jüdische Mitglied Otto Albert Beer bereits zum Jahreswechsel 1930/31 vor einer Nazi-Fraktion im Verein warnte. Des Weiteren kann man dort einiges über den opportunistischen Umgang des Klubs mit seinem jüdischen Trainer Richard Dombi lesen, und wie der Klub versuchte, an der Auflösung des sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitersports zu partizipieren.

„Drei Arierparagrafen“ hört sich bombastisch an

Nächste „Enthüllung“: „Am 27. März 1935 machten die Bayern Ernst mit der Ausgrenzung der Juden.“ Steht ebenfalls bereits in meinem Buch, einschließlich des angeblich erst von Herzog entdeckten Arierparagrafen. Dass es auch beim FC Bayern irgendwann einen solchen gab, ist nun wirklich keine Überraschung. Komplett aufgebauscht ist der Umstand, dass der FC Bayern einen „dritten Arierparagrafen“ einführte. Das ist im Übrigen auch nicht Bayern-spezifisch. Wie der „Spiegel“ selbst schreibt, ist der Grund für den dritten Paragrafen 1940 eine neue Einheitssatzung, die der Reichsbund für Leibesübungen an alle Klubs verschickte. Der Hinweis auf den dritten Paragrafen besitzt deshalb null Erkenntniswert, wenn es um die Beurteilung des FC Bayern geht. Aber „drei Arierparagrafen“ hört sich natürlich bombastisch an.

Landauer war noch bis Mitte der 1930er im Klub aktiv

Was der aktuelle „Spiegel“-Text unterschlägt: Im Vergleich zum Deutschen Fußball-Bund und vielen anderen Vereinen war der FC Bayern mit dem Ausschluss seiner Juden ziemlich spät dran – wie im Übrigen auch Eintracht Frankfurt. Der 1.FC Nürnberg beispielsweise war diesbezüglich bereits im Mai 1933 aktiv geworden. Der FC Bayern fuhr einen Monat später nach Italien. Trainer war noch immer der Jude Richard Dombi, der die Reise „bis ins Kleinste ausgearbeitet und…ganz vortrefflich vorbereitet“ hatte, wie die „Club-Nachrichten“ einige Wochen später berichteten. Kurt Landauer war noch bis mindestens Mitte der 1930er im Klub aktiv. Die Nazifizierung des FC Bayern und der Ausschluss seiner jüdischen Bürger verlief eben nicht so schnell und reibungslos, wie suggeriert wird.

Ausgewiesene Experten kommen nicht zu Wort

Die „Spiegel“-Autoren haben Herzogs Einschätzung offenbar vertraut, anstatt ausgewiesene Experten zu Wort kommen zu lassen: Beispielsweise Professor Lorenz Peiffer, der zu diesem Thema erheblich mehr geforscht und publiziert hat oder Henry Wahlig, der im Deutschen Fußballmuseum arbeitet, beide ausgewiesene Sporthistoriker.

Das Vereinsleben des FC Bayern ist eben komplex und war in den NS-Jahren von Animositäten geprägt: unter anderem zwischen Alten und Jungen, Fußballern und Nicht-Fußballern, Nazis, Opportunisten und Verweigerern. Es kam zu relevanten Spannungen, die leider im „Spiegel“ nicht erwähnt werden: Etwa die Auseinandersetzung um den Mitte 1934 eingeführten Ältestenrat, in dem zunächst auch noch die jüdischen Mitglieder saßen und den die Nazis im Verein als Rückfall in die Zeit des Parlamentarismus brandmarkten, die gescheiterte „Juden-Zählung“ im Verein und der noch 1936 tagende Bayern-Stammtisch, an dem, so seine vereinsinternen Gegner, „Menschen und unwürdige Stämme und Rassen“ auftraten.

Eine Heldengeschichte des FC Bayern hat auch niemand geschrieben

Man muss sich schon der gesamten Komplexität des Klubs widmen, um zu verstehen, warum der Münchner NS-Führung der FC Bayern immer etwas suspekt blieb. Und warum nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur Kurt Landauer, sondern auch weitere Juden, darunter der deutsch-jüdische Theaterintendant Kurt Horwitz und Hermann Schülein, Ex-Generaldirektor von „Löwenbräu“, dem Klub erneut beitraten und ihm sogar finanziell unter die Arme griffen.

Herzog konstatiert: „Eine Heldengeschichte des FC Bayern gibt es nicht.“ Eine solche hat auch niemand geschrieben. Nicht der Film über Kurt Landauer, der 2014 in der ARD lief und tatsächlich historische Ungenauigkeiten beinhaltet, aber eben „nur“ ein Spielfilm ist; nicht Dirk Kämper, Autor der ausgezeichneten Biografie „Kurt Landauer – Der Mann, der den FC Bayern erfand“, nicht Andreas Wittner vom FC Bayern-Archiv, nicht das Münchner Stadtarchiv und ich auch nicht. Die Geschichte des FC Bayern in der NS-Zeit muss jedenfalls nicht umgeschrieben werden.

Der "Spiegel" und sein Autor Markwart Herzog haben auf die Vorwürfe unseres Autors reagiert. Mehr zum Expertenstreit rund um den FC Bayern München können Sie im Hausblog des Nachrichtenmagazins lesen.

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