Sport : Der Fehltreffer

Als Torjäger wurde Ailton nach Duisburg geholt – nun will der Tabellenletzte ihn loswerden

Hoch zu Ross war er gekommen, genau genommen: hoch zu Zebra. Bei seiner Vorstellung als neuer Stürmer des MSV Duisburg hatte Ailton, der pummelige brasilianische Fußballprofi, auf einem Zebra gesessen, mitten auf dem Rasen des Stadions. Der Vereinspräsident Walter Hellmich stand, stolz wie ein Zirkusdirektor, daneben und sonnte sich im vermeintlichen Glanz seiner neuen Attraktion. Doch die Szenerie mutete schon im Hochsommer ein wenig gekünstelt an. Das Zebra war nur aus Plastik, und Rudi Bommer, den MSV-Trainer, schien es ein wenig zu frösteln. Bommers Lächeln wirkte so gequält, als ahnte er schon, dass er einen Spieler vor sich hatte, mit dem er nichts würde anfangen können.

Während der oberste Chef des MSV offenbar glaubte, den größten Transfercoup der Klubgeschichte gelandet zu haben, gab sich der Trainer skeptisch und wies auf die konditionellen Defizite Ailtons hin, der sich zuvor mit mäßigem Erfolg in der Schweiz, in Serbien und in der Türkei verdingt hatte, nachdem der Hamburger SV die Kurzgeschichte mit dem einstigen Torschützenkönig beendet hatte. Bommer behielt recht. Nach einem für alle Beteiligten ernüchternden Semester haben auch Hellmich und Ailton eingesehen, dass der Klub und der Brasilianer nicht zueinander passen. Der Präsident, der sich als Manager geriert, erteilte dem Brasilianer ziemlich unverblümt den Rat, woanders hinzugehen.

„Wenn er ein Angebot hat, das ihn reizt, legen wir ihm keine Steine in den Weg“, sagte Hellmich dem Tagesspiegel. „Gemessen an unseren Vorstellungen und dem Vertrauen, das wir Toni geschenkt haben, ist von ihm zu wenig zurückgekommen.“ Der Vereinspräsident ist enttäuscht und räumt ein, dass der Stürmer „unter Umständen“ als Fehleinkauf zu beurteilen sei. „Wir haben gedacht, dass wir mit dem Burschen das eine oder andere bewirken können, aber das ist sicherlich nicht der Fall.“

In guten Zeiten, vor allem bei Werder Bremen, ist Ailton ein kickender Clown gewesen, den alle lieb hatten, dem seine gelegentlichen Eskapaden verziehen wurden, obwohl er sprachlich kein Musterbeispiel an Integration abgab. Ailton redet zumeist in der dritten Person über sich, was viele lustig finden. So sagte er einmal: „Toni muss konzentrieren im Platz und schießen Tor.“ Er hat die Bundesliga mit 106 Treffern bereichert – von den Ausländern, die je in dieser Klasse gespielt haben, traf nur der frühere Bayern-Star Giovane Elber häufiger.

Inzwischen ist Ailton ein trauriger Clown; einer, der sich verkannt fühlt und in gewisser Weise auch missbraucht. Er empfindet es als unfair, dem Misserfolg des Abstiegskandidaten Duisburg ein Gesicht geben zu müssen. „In Duisburg konzentriert sich alles auf mich. Für viele Leute ist Ailton Duisburg. Alle reden über mich, alle wollen etwas von mir“, behauptet er. „Aber dass der MSV so schlecht spielt, liegt nicht nur an Ailton, es liegt an der ganzen Mannschaft“, sagt Ailton. Wenn er nur zehn Minuten spiele, sei es ihm unmöglich, ein oder zwei Tore zu schießen. In sieben Spielen für den MSV hat er ein Tor geschossen.

Vielleicht bekommt der 34 Jahre alte Angreifer ganz weit weg vom Ruhrgebiet noch eine Chance, zu Geld zu kommen. Wie es heißt, zieht es ihn nach Katar, auch wenn Hellmich sagt, dem Verein liege kein Angebot vor. Im Zirkus des Walter Hellmich kam der Brasilianer sich vor „wie im Zoo“, sagt er. Ailton hat beim MSV seine Schuldigkeit getan – oder auch nicht. Er kann gehen. Duisburg Zoologischer Garten, Gehege der Plastikzebras: Endstation einer Bundesligakarriere, die viel mehr versprach, als Ailton zu halten vermochte. Er geht wie ein geprügelter Cowboy, der erst sein Pferd verloren hat – und dann auch noch sein Zebra.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben