Sport : Der Feinmechaniker und die Diva

Wie das Duo Raul/Ronaldo auf dem Platz funktioniert

Norbert Thomma

Dortmund. So wirklich Furcht erregend sieht der Mann nicht aus. An seinen 1 Meter 80 hängen 70 kg Gewicht, und nun hinkt er auch noch mit dem rechten Bein. Dunkelgrauer Anzug, weißes Hemd mit Karomuster, eine mitternachtsblaue Krawatte. Untern Arm hat er ein graues Ledertäschchen geklemmt. Er bleibt stehen, gibt Autogramme, beantwortet Fragen. Auf dem schmalen Gesicht liegt ein Bartschatten, daraus sticht eine schmale Nase. Die kurzen gewellten Haare glänzen – eine Latino-Ausgabe von Tom Cruise. Das ist Gonzalez Raul, 25, genannt Raul, Spaniens bester Stürmer.

Und ach, da kommt ja auch der mit den Hasenzähnchen und den runden Backen. Seine 82 kg machen die 1 Meter 83 kompakt. Der haarlose Kopf glänzt, die Mundwinkel stehen auf gute Laune, er winkt kurz und verschwindet im Mannschaftsbus. Das ist Luiz Nazario de Lima Ronaldo, 26, genannt Ronaldo, der Brasilien mit zwei Toren gegen Oliver Kahn zum Weltmeister machte.

Kurz vor Mitternacht spielt diese Szene, in den betonhalligen Katakomben des Westfalenstadions, wo Fans, Busse und Autos nach dem spektakulären 1:1 auf die Spieler von Real Madrid und Borussia Dortmund warten. Raul und Ronaldo, die Nummer 7 und die Nummer 11, ein Schreckensgespann, ein Duo Infernale. Und selbst in der offiziellen Ausgehkleidung ihres Vereins ist zu sehen, wie die beiden so gespielt hatten die 90 Minuten zuvor: bescheiden und hilfsbereit der eine, selbstverliebt und bequem der andere.

Raul war als erster seiner Mannschaft aufs Feld gelaufen, er ist der Kapitän. Ronaldo war der letzte in der Schlange der Spieler, das garantiert immer noch Aufmerksamkeit. Dann schiebt Raul beim Anstoß den Ball zu Ronaldo. Nun beziehen beide ihre Posten, Ronaldo auf der linken Seite, Raul in der Mitte.

Wobei, das Wort Posten gilt nur für die 11. Ronaldo liegt auf der Lauer. Er schläft im Stand-by-Modus, und gelegentliche elektrische Impulse sorgen für ein gewaltiges Spektakel. Seine Körperhaltung ruft: hallo, Bedienung! Hierher die Pille! Die Nummer 7 hingegen reiht sich ein in die Gruppe der Kellner. Raul dient unauffällig. Er ist Stürmer wie Ronaldo, aber er agiert zumeist zehn, zwanzig Meter hinter diesem. Bei Eckbällen von Dortmund hilft Raul im eigenen Strafraum, Ronaldo wartet an der Mittellinie.

Dortmund hatte Angst vor den beiden. Die Manndecker Wörns und Metzelder wirkten arg unglücklich, als Raul vor einer Woche auf dem Hintern sitzend einschoss. Trainer Sammer hatte umgestellt, Metzelder rechts spielen lassen und den jungen Madouni auf Raul gehetzt. Das funktionierte gut, weil Reuter meist die Wege der Zulieferung verstopfte.

Auch Madrids Trainer Vicente del Bosque hat ein Problem mit den beiden, ein Luxusproblem. Er hat zu viel des Guten. Morientes mault. Vergangene Saison war er Reals Erfolgreichster mit 18 Toren. Jetzt schaut er zu. Jungstar Guti mosert. Seit Ronaldo für 45 Millionen Euro den Weg nach Madrid fand, zählt Guti zu den Aushilfskräften. Raul ist gesetzt, mit 25 Jahren Rekordtorschütze. Und Ronaldo? Dem bescheinigt sein Trainer, er wirke oft „wie eine einsame Insel“. Spielen lässt er ihn trotzdem. Und so schlecht scheint der 7 + 11-Gipfel nicht zu funktionieren: In der spanischen Liga verbucht Ronaldo zehn Tore, Raul neun.

Von Dissonanzen war auch in Dortmund nichts zu sehen. Rauls beste Möglichkeit nach acht Minuten entspringt einem Doppelpass mit Ronaldo. Der sucht den Raum, während Raul das Spiel sucht. Er hilft Ronaldo, indem er durch Laufwege und kurze Wendungen viele Abwehrspieler findet oder durch geschicktes Kreuzen die Ordnung der Dortmunder durcheinander bringt.

Wörns spielt gut gegen Ronaldo, doch der enteilt ihm häufig schnellen Schrittes, wie auch vor der Halbzeit. Elfmeter? So klar ist das nicht. Auch der Freistoß, den Carlos aus 18 Metern Lehmann an die Fäuste donnert, war Folge eines Fouls von Wörns an Ronaldo. Dann steht die einsame Insel wieder mal herum und stützt die Hände in die Hüften. Sie wirkt so leicht beleidigt, die 11. Sie streckt die Arme nach unten, Handflächen nach vorn, und zeigt, wohin der Ball soll. Dann sprintet Ronaldo los. Er hat es gerne steil. Und er bekommt es auch. Sechsmal schießt er aufs Tor aus günstiger Position und findet einen konzentrierten Lehmann.

So spektakulär wirkte die 7 nicht. Raul läuft ein Vielfaches seines Kollegen, legt auf, benutzt mal den linken, mal den rechten Fuß. Ein genialer Feinmechaniker neben einer großen Diva. An jeder gefährlichen Situation Madrids waren die 7 und die 11 beteiligt. 90 Minuten lang. Doch das Tor in der Nachspielzeit machte Portillo, bedient von Zidane. Raul und Ronaldo, übrigens, haben an diesem Abend kein Wort miteinander gesprochen. Es scheint nicht nötig zu sein.

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