Sport : Der Filou zündet

Fast hätte er sich seine Karriere kaputt getreten, dann war er lange verletzt. Nun verzückt Patrick Ebert die Fans von Hertha BSC

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Talent am Scheideweg. Patrick Ebert brach für Hertha beim Sieg gegen den FSV Frankfurt erst spielerisch den Bann und nach dem Abpfiff dann das Schweigen. Foto: dpa
Talent am Scheideweg. Patrick Ebert brach für Hertha beim Sieg gegen den FSV Frankfurt erst spielerisch den Bann und nach dem...Foto: dpa

Berlin - Nach dem Schluss, die Arbeit war längst erledigt, wollte Patrick Ebert noch einmal das Kommando übernehmen. Gemeinsam mit den Kollegen von Hertha BSC stand er vor der Ostkurve des Berliner Olympiastadions und empfing den Applaus, er galt mehr dem Ergebnis denn der Leistung, die eher durchschnittlich war und doch reichte zu einem 3:1-Sieg über den FSV Frankfurt. Herthas Fans feierten einen Pflichtsieg, die Tabellenführung in der Zweiten Bundesliga, und vor allem feierten sie Patrick Ebert.

Der stand nun vor der Ostkurve und genoss die Wonnen eines Abends, der ein ganz besonderer für ihn war, und mit einer Handbewegung gebot er den anderen, sich doch bitte hinzusetzen auf die blaue Laufbahn. Neben ihm stand der kahlköpfige Hüne Maikel Aerts. Herthas Torhüter guckte ein wenig irritiert, und als auch nach dreimaliger Aufforderung niemand Platz nehmen mochte auf dem kalten Boden, da gab Ebert seinen Plan auf und verlegte sich aufs Tanzen. Und die Ostkurve sang dazu sein Lied, das von den abgetretenen Spiegeln und den umgeworfenen Rollern. Reminiszenz an einen juristisch geahndeten Ausflug mit seinem alten Kumpel Kevin-Prince Boateng, er hätte Ebert vor zwei Jahren fast die Karriere gekostet.

Noch vor einem Jahr hatte er sich schwer geärgert über seinen neuen, unfreiwilligen Kultstatus. Mittlerweile hat er Abstand gewonnen. „Gutes Lied“, hat Ebert noch am Freitagabend gesagt und damit das selbst auferlegte Schweigegelübde der Mannschaft beendet. Sie reden also wieder und siegen weiter, auch das dank Patrick Ebert. Zum zweiten Mal in dieser Saison hatte er in der Berliner Startformation gestanden, zum ersten Mal über 90 Minuten durchgespielt und das wichtige Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 geschossen.

Patrick Ebert ist jetzt 23 Jahre alt und steht an einer Wegscheide. Vielleicht reicht es für ihn noch zum großen Durchbruch, vielleicht bleibt er ein ewiges Talent.

Zuletzt hat er ein halbes Jahr lang pausiert. Kreuzbandriss, die übelste Verletzung, die einen Fußballspieler treffen kann. Weil er die Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte, hat er im Kraftraum den Oberkörper trainiert, als das Knie noch nicht bereit war. Als Ebert am Freitag vor der Ostkurve im ärmellosen Shirt posierte, wirkte er wie ein Bodybuilder. Genauso hat sich auch sein Spiel verändert. Schwerfälliger, aber auch zielstrebiger. Den neuen Ebert schubst keiner mehr so leicht um wie früher den ballverliebten Filou.

Auf der anderen Seite hat er sich die besonderen Momente bewahrt. Es sind Momente, die seinen früheren Trainer Lucien Favre öfter in den Wahnsinn getrieben haben. Wenn Ebert zum siebten Mal den Ball mit der Ferse weiterspielen wollte und dabei zum sechsten Mal in die Füße des Gegners spielte. Der Asket Favre hatte dennoch einen Narren an Ebert gefressen und ließ ihn auch nach der Spiegel-Affäre und einer klubinternen Minisperre gewähren. Favres Nachfolger Friedhelm Funkel ignorierte ihn weitgehend, und als er nach dem Abstieg in die Zweite Liga unter Markus Babbel neu angreifen wollte, kam die Knieverletzung dazwischen.

Herthas Trainer hat Ebert lange zappeln lassen, „das war nicht einfach für ihn, aber er hat diesen Weg akzeptiert“, sagt Babbel. „Er ist ein ganz besonderer Spieler, der geniale Momente hat, aber auch ganz einfach spielen kann.“ Babbel weiß, welche Unwägbarkeiten er dafür in Kauf nehmen muss. Die eitlen Anspiele hinter dem Standbein, wie sie aus vollem Lauf vielleicht der Brasilianer Robinho kann und sonst kaum einer auf der Welt. Die lässigen, über den Spann gezogenen Querpässe, die manchmal auch ankommen. Und die unvermeidlichen Hackentricks, von denen Patrick Ebert schon mal deswegen nicht lassen wird, weil er damit vor einer Woche in Aachen ein Tor vorbereitet hat.

Geniale Momente und einfaches Spiel sind nicht so leicht in Einklang zu bringen.

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