Sport : Der Fischer vor dem Tor

Der Fußball ist Dirk Kuyt nicht in die Wiege gelegt, doch der blonde Kämpfer ist längst nicht nur der Lieblingsstürmer des niederländischen Nationaltrainers

Frank Hellman[Kapstadt]

Gewisse Kindheitserlebnisse vergisst man nicht. Auch Dirk Kuyt vermag sich noch gut zu erinnern, wie das war am 25. Juni 1988. Europameisterschaft in Deutschland, Endspiel Niederlande gegen Russland. Das Münchner Olympiastadion ist ein Meer in Orange. Der kleine Kuyt ist acht Jahre alt, und auch in Katwijk aan Zee, dem Bade- und Fischerort zwischen Amsterdam und Rotterdam, fiebert jeder mit den Oranjes mit. Dirk Kuyt verehrt Ruud Gullit, den eleganten Anführer mit den Rasta-Locken, und zu jedem Spiel stülpt er sich eine Gullit-Perücke über die krause blonde Haarpracht. „Danach sind wir dann auf die Straße und haben alles noch mal nachgespielt“, erinnert er sich. 22 Jahre später können Kuyt und Kollegen zu den legitimen Nachfolgern der Generation Gullit, Rijkaard oder van Basten werden – die einzige, die es bislang in den Niederlanden zu Titelehren brachte.

„Wir wussten vor dieser WM: Wir können jeden schlagen“, sagt der Stürmer vor dem Finale am Sonntag gegen Spanien in Johannesburg, „jetzt müssen wir es noch einmal zeigen.“ Für den 29-Jährigen ist auch das erreichte Endspiel nur ein Zwischenschritt: „Diese Mannschaft will mehr. Wir wollen alles.“

Weltmeister Kuyt? Im Grunde war das lange unvorstellbar, denn ihm ist der Fußball nicht wirklich in die Wiege gelegt worden. Die Jugendzeit verbrachte er bei seinem Heimatverein „Quick Boys“ und nicht bei einem der großen Klubs. „Ich hatte eigentlich nie daran gedacht, dass ich wirklich Profi werden könnte“, sagte er einmal. Auch Vater Gerrit war das mäßige Talent nicht verborgen geblieben; der 2007 an Kehlkopfkrebs verstorbene Papa riet dem Sohne, sich doch lieber als Fischer statt als Fußballer zu versuchen.

Kuyt entschied sich für die zweite Variante und stieg zu einem weltweit begehrten Profi auf, für den der FC Liverpool 2006 18 Millionen Euro an Feyenoord Rotterdam zahlte. An der Anfield Road ist er schnell zum Publikumsliebling geworden, denn: Die Grundlage seines stürmischen Wirkens ist ein authentischer Arbeitsethos. Wo Rafael van der Vaart den Ball wie ein rohes Ei behandelt, Robin van Persie die Sohle auf ihn stellt, Wesley Sneijder ihn streichelt oder Arjen Robben mit ihm davonsprintet, hat Dirk Kuyt mit der Kugel meist nur das Machbare im Sinn. Erst der Kampf, dann die Kunst.

Nicht nur im Verein bei Rafael Benitez hat er dafür hohe Wertschätzung erfahren, sondern auch in der Nationalmannschaft. Trainer Bert van Marwijk stellte ihn nach dem Uruguay-Spiel über alle anderen: „Er ist das Beispiel schlechthin für einen Teamplayer. Er ist der Sieger des Überlebenskampfs.“ Dieser letzte „Überlebende” hatte im Halbfinale aber nicht nur mit unbändigem Einsatz beeindruckt, sondern auch die feine Flanke vor dem Robben-Kopfballtor geschlagen.

Es ist ja nicht so, dass Kuyt nicht Fußball spielen kann – es sieht bei ihm nur nicht so geschmeidig aus. Sein kantiges Gesicht erinnert eher an einen Hafenarbeiter aus Rotterdam als an einen gestylten Fußballer, doch die Rolle als Exot unter Schöngeistern spielt der Spätstarter gerne. Als nach der Robben-Rückkehr einer von den „fantastischen Vier“ in vorderster Front weichen musste, traf es nicht den Kämpfer Kuyt, sondern die Kreativkraft van der Vaart.

Für den Pragmatiker van Marwijk ist der harmoniebedürftige Kuyt unverzichtbar. Sein Lieblingsschüler hat von 540 möglichen WM-Minuten bislang 516 auf dem Platz gestanden. Sein Bewegungsradius ist so immens, dass Spielanalysten fast verzweifeln: Er steht beim Anpfiff zwar meist links an der Mittellinie, doch ein bevorzugter Aufenthaltsort ist im Grunde nicht auszumachen. Weniger als zehn Kilometer läuft er fast nie.

Dieser Mann hat miterlebt, wie die gewiss nicht weniger begnadeten Besetzungen bei der WM 2006 oder bei der EM 2008 viel zu früh scheiterten – gegen die Fehler von damals, vor allem Selbstüberschätzung und Selbstzerfleischung, läuft Kuyt auch öffentlich Sturm. „Zweimal haben wir eine große Chance sausen lassen. Auch in dieser Mannschaft gibt es wieder viele Egos, aber wir geben uns auch Freiräume und akzeptieren uns mit unseren Unzulänglichkeiten.“

Wenn Kuyt bald wie jeden Sommer die alten Freunde aus Katwijk besucht, wird er vielleicht merken, dass Gullit-Perücken nicht mehr angesagt sind. Viele Kinder wollen nun sein wie Dirk Kuyt.

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