Sport : Der Fluch des Besten

Michael Rosentritt

Gut sechs Jahre ist es her, dass Wladimir Klitschko nach vornüberkippte und hilflos durch den Boxring krabbelte. Ein dickbäuchiger Polizist und Hobbyboxer aus Südafrika hatte den Modellathleten aus dem früheren Sowjetreich mehrmals am Kinn getroffen und von den Beinen geholt. Corrie Sanders heißt der Gute, der Klitschko lächerlich machte. Wladimir Klitschko, der vielleicht talentierteste Schwergewichtler seit Muhammad Ali, war ein gebrochener Mann. Plötzlich wusste jeder, dass und wie man Klitschko schlagen kann: mit schnellen, harten Händen an dessen Kinn.

Wladimir Klitschko war damals ein junger, unerfahrener Boxer, der sich zu sehr auf sein Talent verließ: Niemand könne ihm im Ring gefährlich werden – das glaubte er damals wirklich. Inzwischen ist es genau so gekommen.

Wladimir Klitschko musste sich damals überwinden. Er arbeitete an seiner Einstellung und seinen Schwächen. Er lebte konsequenter, nahm jeden Gegner ernst und schlug sie alle. Als Boxer hat er sich in jeder Hinsicht verbessert. Nur sein Kinn, das kann auch einer wie Klitschko nicht verbessern. Aber: Wladimir Klitschko kennt seine Schwachstelle, nur lässt er jetzt keinen mehr rankommen. Corrie Sanders hatte ihn überrumpeln können. Heute aber wird das Klitschko nicht mehr passieren. Dafür ist er einfach zu erfahren und zu stark. Und genau darin liegt der Fluch für ihn. Wladimir Klitschko sind die Gegner ausgegangen. Wer will, ja wer kann ihn schlagen?

Europa ist so gut wie leer geräumt. Schön, es gibt noch diesen Haye, den Briten, ein Großmaul, wie zu hören ist. Und Powetkin, den früheren Olympiasieger aus Russland. Der kann boxen, aber nicht hauen. Beiden fehlen vermutlich noch die Klasse und der Mumm. Nein, es sieht mau aus in der Klasse aller Klassen. Es gibt keinen neuen Ali in Übersee, ja nicht mal einen Tyson. Dabei ist nicht einmal sicher, ob sie Klitschko in seiner jetzigen Verfassung hätten schlagen können. Der Erfolg sei Klitschko gegönnt. Aber im Boxen macht er so einsam.

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