• Der früherer DDR-Sportführer Ewald steht als Pensionär vor einem Verfahren wegen Beihilfe zur Körperverletzung

Sport : Der früherer DDR-Sportführer Ewald steht als Pensionär vor einem Verfahren wegen Beihilfe zur Körperverletzung

A. Scherer

Als Günter de Bruyn in diesem Jahr die Gemütslage der Nation in seinem Buch "Deutsche Zustände" fair schilderte, ("Die Wirkung der Weltraumfahrerkampagne war der Propaganda durch Siege gedopter Spitzensportler gleich"), hätte er in der Figur des Manfred Ewald ein Paradebeispiel gehabt: Bruyn nahm andere Muster und überließ Ewald dem Sport, der nun vielleicht erlebt, dass der einst mächtigste Mann des DDR-Sports als Pensionär wegen Dopingvergehen vor Gericht kommt.

Ewalds frühere Gegner sind längst tot. Willi Weyer (1917 bis 1987) und Willi Daume (1913 bis 1996), die es ihm in seinem kommunistischen Funktionärsleben nie schwer gemacht haben. Jetzt, wo der 73 Jahre alte Manfred Ewald als eine Art Saurier aus dem Kalten Krieg von 1951 bis 1989 übrig geblieben ist, soll der Pensionär wegen flächendeckenden Dopings im DDR-Sport vor Gericht. Beihilfe zur Körperverletzung in 142 Fällen wird ihm zur Last gelegt. Ewald war in den Zeiten gesamtdeutscher Mannschaften von 1956 bis 1964 sportpolitisch spitzfindig, meist gesprächsbereit, stets gut informiert, sarkastisch und knochentrocken. Dass ihm am 8. Mai 1984 sein Lieblingsspielzeug von seinen SED-Oberen aus der Hand geschlagen wurde, erfreut alle, die Ewalds Selbstgefälligkeit in dieser Zeit als unerträglich empfunden haben. Das Lieblingsspielzeug war die Olympiamannschaft der DDR, die vor den Spielen in Los Angeles 1984 stärkste der Welt war.

Ewald hatte damals als Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) seit 1961 und des Nationalen Olympischen Komitees der DDR seit 1973 alle Macht in den Händen. Walter Ulbricht hatte ihn gefördert, Erich Honecker ihn nicht fallen lassen. Nichts geschah im Sport der DDR, was Ewald nicht abgesegnet hatte. Der von der Moskauer und Ostberliner Politik verfügte Los-Angeles-Boykott traf Ewald in Mark und Herz. Danach war er nie mehr der Scharfmacher. Auf den Gedanken, nach dem Zusammenbruch der DDR sich mannhaft vor seine Sportler zu stellen, als diese der kollektiven Leistungsmanipulation beschuldigt wurden, ist er nach 1990 nicht gekommen. Keiner seiner Freunde besaß den Mut, eine Biographie des Mächtigen zu schreiben.

Ewald schickte sich ins Pensionärsdasein. Dass ihn nun die Vergangenheit einholt, wenn es zum Prozess kommt, wird Ewalds Biographie ausbalancieren, die bislang aus frommen Erzählungen über seine Rolle in der Hitlerjugend, im antifaschistischen Widerstand und in der SED-Wunderwelt der Nachkriegsjahre besteht. Als Pointe bleibt, dass der Klassenfeind nun über ihn zu Gericht sitzt.

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