Sport : Der Fußball-Nomade

Mit 38 Jahren fühlt sich Daniel Teixeira nach langen Wanderjahren beim 1. FC Union endlich heimisch

Peter Kasza

Berlin - Natürlich kennt Daniel Teixeira Ronaldo. Nein, nein. Nicht so wie wir aus dem Fernsehen. Sondern so richtig. Daniel und Ronaldo spielten ein Jahr zusammen Fußball, damals bei Cruzeiro im brasilianischen Belo Horizonte. Daniel war 25 Jahre alt, Ronaldo 16. Dann packte beide das Fernweh. Ronaldo ging irgendwann zu Real Madrid, wurde mit der Selecao Weltmeister und führt heute die Liste der ewigen WM-Torschützenkönige an. Daniel Teixeira landete beim 1. FC Union Berlin, stieg vergangene Saison von der vierten in die dritte deutsche Klasse auf und ist amtierender Torschützenkönig der Oberliga Nord. Es sind zwei Erfolgsgeschichten aus der Welt des globalisierten Fußballs, so unterschiedlich und doch so gleich. Wo Brasilianer zaubern, ist immer oben, glaubt man wenigstens. Aber oben ist im Fußball eben auch sehr relativ. Oben hieß in Daniel Teixeiras Fußballerleben: Spitzenmannschaften der dritten deutschen Liga. Oben hieß für ihn aber auch: Pokalgewinn mit Cruzeiro Belo Horizonte.

88 600 Zuschauer waren in der ganzen Saison 2005/2006 bei den Heimspielen des 1. FC Union, was für die vierte Liga sensationell viel ist. Doch gingen alle Union-Saisonbesucher auf einmal ins Maracana-Stadion, dann blieben immer noch ein paar Plätze frei. Eben dort, in Maracana, hat Teixeira auch schon gespielt. Das war in der Saison 1992/93. Damals gewann er mit Cruzeiro auch den brasilianischen Pokal. „Es war das schönste Erlebnis als Fußballer“, sagt er und schiebt noch schnell hinterher: „Und natürlich der Aufstieg mit Union.“

Es sind die zwei Eckpunkte im Leben des Daniel Teixeira, das im Zickzack verlief. 1988 erhielt er seinen ersten Profivertrag bei Cruzeiro, zwei Jahre später spielte er in Japan, dann ging er zurück nach Brasilien, spielte zusammen mit Ronaldo und holte den Pokal, er saß auf der Bank, sah keine Perspektive, ging nach Portugal, spielte dort in der ersten und zweiten Liga, ging zurück nach Brasilien, fand keinen Verein mehr, spielte mit 31 Jahren in Rumänien und in der Türkei vor. Nach Rumänien wollte er nicht, die Türken konnten sich nicht entscheiden. Er wollte gerade wieder zurückfliegen in die Heimat, als ihn ein Freund anrief:

„Wie fliegst du zurück?“

„Über Frankfurt.“

„Warte. Ich kenne jemanden in Deutschland. Der organisiert ein Probetraining für dich.“

Er flog nach Frankfurt, setzte sich in den Zug, stellte sich in der dritten Liga bei Bayer Uerdingen vor. Dort blieb er. So brachte ihn der Zufall nach Deutschland, und wer weiß, wäre er nicht über Frankfurt geflogen, vielleicht wäre er in Italien gelandet. Oder in England. Oder in Spanien. Und dann wäre der 1. FC Union vielleicht dieses Jahr nicht aufgestiegen. Aber so ist es ja Gott sei Dank nicht gekommen.

2001 spielte er das erste Mal an der Spree. In der Rückrunde lieh ihn Union von Uerdingen aus. Es war die Saison seines Lebens. Er schoss den Drittligisten fast im Alleingang ins Pokalfinale gegen Schalke und in die Zweite Liga. 21 Tore in 19 Spielen. Und damals sah es auch so aus, als würde er in hohem Alter noch mal das große Los ziehen. Fast wöchentlich hieß es: Der HSV oder Werder Bremen hätten Interesse an dem 33-Jährigen. Doch daraus wurde nichts. Nicht mal in die Zweite Liga ging seine Reise. Union hatte blöderweise vergessen, eine Kaufoption im Ausleihvertrag festzuschreiben. Mit jedem Tor, das Teixeira schoss, wurde er ein bisschen teurer. Eine Million wollte Uerdingen schließlich haben. Union blieb eisern, wollte nicht zahlen, stieg in die Zweite Liga auf und derjenige, dem sie den Aufstieg zu verdanken hatten, blieb zurück. Er spielte weiter in der dritten Liga für Braunschweig, für Kiel, für Essen. Erst als sich Union in der vierten Liga wieder fand, holte ihn der Verein zurück. Bei seinem ersten Spiel sagte er: „Ich bin wieder zu Hause.“

Natürlich sei er damals sauer gewesen, nicht mit aufsteigen zu können. „Aber ich denke nicht dauernd: Was wäre gewesen, wenn... Das bringt doch nichts. Meine Familie ist gesund, meine Frau bekommt ein drittes Kind – was will ich mehr?“ Und wenn er einen dabei anguckt und lächelt, dann glaubt man ihm das auch.

Heute ist er 38 Jahre alt und lebt immer noch das einsame Leben eines Mittelstürmers. Ende Mai trat Union zum großen Saisonfinale gegen die nur Kennern der Fußballniederungen bekannte TSG Neustrelitz an. Als er dort einmal, ganz Brasilianer, den Ball mit der Hacke vorlegte, war sein Mitspieler so perplex, dass er prompt über den Ball säbelte. Es war fußballerisch, nun ja, Hausmannskost, was auf dem Platz geboten wurde, und die Fans an der Alten Försterei sangen: „Nie mehr vierte Liga.“ Für die kommende Saison haben sie das Ziel vorläufig erreicht, und wenn Union heute Abend in einem Vorbereitungsspiel auf Hansa Rostock trifft (19 Uhr, Alte Försterei), werden sie ihrem Mittelstürmer wieder zujubeln.

„Texas“ nennen sie ihn hier, weil sie sich bei der Aussprache seines Nachnamens schwer tun, und vielleicht auch, weil ein Brasilianer nun mal einen Künstlernamen braucht. Es ist eine gegenseitige Liebe. „In Berlin“, sagt Texas, „will ich bleiben. Die Stadt ist ein großer Kandidat dafür, meine neue Heimat zu werden.“ Es wäre das Ende der langen Reise eines Fußballnomaden.

Seit sieben Jahren ist er nun in Deutschland. „Dass ich hierher gekommen bin, war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Teixeira. „Es hat mein Leben verändert.“ Kurz bevor er kam, hatte er in Brasilien geheiratet. Seine Frau Soraia ist ihm gefolgt. Seine beiden Töchter sind hier aufgewachsen, und wenn sie Oma und Opa in Brasilien besuchen, wundern sie sich, warum dort bei Rot niemand an der Ampel stehen bleibt. „Die sind schon sehr, sehr deutsch“, sagt Teixeira. „Und ich bin auch irgendwie ein brasilianischer Deutscher geworden.“ Nächstes Jahr möchte er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Wenn alles gelaufen ist. Wenn er seine letzte Saison als Spieler hinter sich gebracht hat. Wenn er 39 Jahre alt ist. Und wenn er vielleicht ins Management des Vereins gewechselt ist. Das würde er gerne. „Weil hier mein Herz schlägt.“

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