Sport : Der Fußball-Souverän

Ottmar Hitzfeld kann Deutschlands erfolgreichster Trainer werden – wenn er den Pokal holt

Daniel Pontzen

München. Es hätte ja nun auch Werner Hofstetter sein können am anderen Ende der Leitung. Damals, in der unruhigen Zeit. Ottmar Hitzfeld saß in seinem Wohnzimmer und hatte Angst, jedes Mal, als das Telefon klingelte in jenem Winter. Der Präsident war unberechenbar. Einmal hatte er ihn nach einem Spiel gewürgt, dann hatte er ohne Hitzfelds Wissen drei Spieler verpflichtet. Ottmar Hitzfeld fürchtete die Launen des Mannes, der dem Schweizer Fußballklub SC Zug vorstand. Damals, vor zwei Jahrzehnten, als Hitzfeld zum ersten Mal Trainer war. „Man kann nie wissen, wenn so ein Präsident durchdreht“, sagt Hitzfeld. „Dann fliegst du als junger Trainer, und alle nehmen das wahr.“

Beinahe, glaubt Hitzfeld, wäre damals seine Trainerkarriere vernichtet worden, ehe sie richtig begonnen hatte – damals, im Winter 1983/84, beim SC Zug, zweite schweizerische Liga. Zum Glück hatte Hofstetter, ein Bauunternehmer mit 18-Stunden-Tag, Wichtigeres zu tun, als Hitzfeld zu entlassen. Also blieb er Trainer. Und ab Sonnabend könnte er der erfolgreichste Trainer sein, den Deutschland je hervorgebracht hat. Wenn sein FC Bayern München das DFB-Pokalfinale gegen Kaiserslautern gewinnt, wäre es Hitzfelds 16. Titel – einer mehr, als Udo Lattek gewonnen hat, der rotköpfige Pensionär, der mal den FC Barcelona trainierte und der ihm schon den Rücktritt nahe gelegt hatte.

Im Herbst 2002 war das, der FC Bayern hatte gerade den sportlichen Totalschaden erlitten, das Aus in der ersten Runde der Champions League, und Hitzfeld war schnell als Teilschuldiger ausgemacht. Viele glaubten, er würde an dem Druck zerbrechen.

Ein halbes Jahr später sitzt Ottmar Hitzfeld, 54, in einem Speisezimmer am Münchner Vereinsgelände vor Schweinebraten und Kartoffelknödel. Im Vergleich zum Herbst wirkt er, als hätte er wochenlang an einem Aufladekabel gehangen. Doch er kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als ihm die Vereinsoberen zwei Wochen lang ein öffentliches Bekenntnis verweigerten und die Öffentlichkeit längst über einen Nachfolger spekulierte.

Er bleibt immer ruhig

„In solchen Situationen steht man auf dem Prüfstand. Man muss auch dann Autorität ausstrahlen. Sonst verliert man sehr schnell seine Glaubwürdigkeit – und die ist das Wichtigste.“ Ottmar Hitzfeld ist nicht unglaubwürdig geworden, im Gegenteil. „Es ist unglaublich, wie er in solch schwierigen Situationen reagiert“, sagt Kapitän Oliver Kahn. „Er bleibt immer ruhig, immer völlig souverän.“ Dann glaube ihm die Mannschaft, „was er sagt“.

Hitzfeld hat schnell erkannt, worauf es ankommt als Trainer beim FC Bayern, schneller als Otto Rehhagel, Sören Lerby oder Giovanni Trapattoni, seine Vorgänger. Im gläsernsten aller deutschen Fußballbetriebe reicht es nicht, findige Angriffsvarianten einzustudieren, man muss vor allem das Richtige sagen, möglichst immer. Hitzfeld hat das perfektioniert. Aber was ist das Richtige? „Man muss es eben wissen“, sagt er. Er weiß es.

Das war nicht immer so. In seinen ersten Jahren als Trainer, da habe er sich gelegentlich mit Aufzeichnungen seiner Interviews gequält. „Da bin ich manchmal erschrocken, was ich für einen Mist erzählt habe.“ Früher habe er sich von Journalisten Emotionales entlocken lassen und sich dann jedes Mal unheimlich geärgert. Irgendwann strich er sämtliche Gefühle aus seinen Statements.

Eine Anleitung für das diffizile Spiel mit den Medien hat er nicht erhalten. „Ich bin Autodidakt“, sagt Hitzfeld. Einen Ratgeber allerdings hat er konsultiert, wie er in seiner von einem Freund, dem Pfarrer Josef Hochstrasser, geschriebenen Biografie preisgibt. Vor wichtigen Aufgaben habe er gebetet: „Lieber Gott, ich bitte dich, gib mir die Kraft, damit ich stark bin, damit ich Selbstvertrauen habe, Selbstsicherheit ausstrahle, dass ich die Persönlichkeit entwickle, die ich gern sein möchte, um bestehen zu können.“ Es scheint, als hätte ihn der liebe Gott erhört.

Bis 2004 läuft sein Vertrag, vielleicht wird er ihn verlängern, doch irgendwann möchte er ein Nationalteam trainieren. Das deutsche? „Ich könnte mir auch vorstellen, in Katar Nationaltrainer zu werden.“ Noch tut er so, als amüsiere ihn die Frage. Aber es fällt schwer, sich einen besseren Nachfolger für Rudi Völler vorzustellen als ihn.

Werner Hofstetter, sein Präsident in den Tagen bei Zug, hat es ungleich schwerer, einen neuen Posten zu bekommen. Kürzlich hatte er beim FC Zürich angefragt, ob er sich als Vizepräsident einkaufen dürfe – danke, nein. Hitzfeld könnte ja irgendwo ein gutes Wort für ihn einlegen. Fragt sich nur, ob der Bayern-Coach vergessen will, wie groß seine Angst vor Hofstetter war.

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