Sport : Der Fußballspieler M.

Marcelinho fehlt seit einer Woche – welche juristischen Mittel bleiben Hertha?

Steffen Hudemann

Berlin - Man stelle sich vor, der Filialleiter M. der örtlichen Sparkasse käme am Montag nicht zur Arbeit. Der Job hatte ihm schon länger keinen Spaß mehr gemacht. Wiederholt gab es Ärger mit dem Vorgesetzten, der ihm mangelnden Einsatz vorwarf. M. war einige Wochen im Urlaub und entscheidet sich nun, nicht zurückzukehren. Am Montag wartet die Sparkassenbelegschaft vergeblich auf M., auch am Dienstag, Mittwoch und dem Rest der Woche gibt es kein Lebenszeichen. M. geht nicht an sein Mobiltelefon, steigt in keines der Flugzeuge, in denen die Bank Plätze für ihn gebucht hat. Stattdessen gibt es Anzeichen, dass M. mit einer Bank in Brasilien über eine Anstellung verhandelt. Was würde passieren? Klar, M. bekäme die fristlose Kündigung.

Man sollte meinen, dem Fußballspieler M., der sich wie der Filialleiter M. verhält, wird es kaum anders ergehen. Falsch, denn der entscheidende Unterschied ist, dass für Fußballspieler Ablösesummen bezahlt werden, für Sparkassenangestellte in der Regel nicht. Und das macht den Fall Marcelinho so kompliziert. Marcelinho ist eine Woche lang nicht zur Arbeit erschienen, er soll in Kontakt mit dem brasilianischen Erstligisten Palmeiras São Paulo stehen. Hertha wird heute ohne seine Nummer 10 ins Trainingslager nach Österreich aufbrechen. „Wir haben seit drei Tagen keinen Kontakt mehr zu Nothdurft“, sagt Hertha-Sprecher Hans-Georg Felder. Wolfgang Nothdurft ist Marcelinhos Berater und weilt mit ihm in Brasilien. Dennoch kann die Kündigung für Hertha keine Lösung sein. Denn wenn kein Vertrag mehr bestünde, könnte der Bundesligist auch seine Transferrechte an dem Mittelfeldspieler verlieren, dessen Vertrag bis zum Sommer 2007 läuft.

Das deutsche Arbeitsrecht ist offenbar nicht für den Profifußball gemacht. Dennoch muss der Verein dem Treiben nicht hilflos gegenüberstehen. Zunächst gilt: Wer einen Vertrag nicht erfüllt, erhält keine Gegenleistung. Wer kein Geld dabei hat, bekommt beim Bäcker keine Brötchen, und wer unentschuldigt nicht arbeitet, wird für diese Zeit nicht bezahlt. Zudem enthalten die Verträge der Profispieler Klauseln über Vertragsstrafen. Verletzt ein Spieler seine Pflichten aus dem Vertrag, kann der Arbeitgeber Geldstrafen aussprechen. Man kennt das, wenn Spieler wegen Disziplinlosigkeiten bestraft werden. Für einen schwer wiegenden Vertragsverstoß wie die totale Arbeitsverweigerung kann diese Strafe mehrere Monatsgehälter betragen. Schließlich bleibt den Berlinern noch die Möglichkeit, finanzielle Einbußen, die der Klub durch das Fehlen des Spielers erleidet, im Wege einer Schadensersatzklage einzufordern.

Unabhängig von den Klubs geht auch der Weltfußballverband Fifa gegen solche Fälle vor. Eine Möglichkeit, die Hertha durchaus als Drohkulisse gegenüber Marcelinho benutzen kann. Denn die Fifa versteht in solchen Fällen keinen Spaß. Der Verband will unter allen Umständen einen wilden Transfermarkt verhindern. „Verträge nicht einzuhalten, ist keine Spielerei“, sagt Rechtsanwalt Christoph Schickhardt, der sich auf Vertragsfragen im Profifußball spezialisiert hat und im Fall Marcelinho auch Hertha vertritt. „Mit solchem Wildwestgehabe kann ein Spieler schnell sportlich und finanziell ins Abseits geraten.“ Denn die Fifa kann lange Sperren und Geldbußen in Millionenhöhe aussprechen – und hat das in Einzelfällen bereits getan. Auch Vereinen können im Falle der Anstiftung zum Vertragsbruch Strafen auferlegt werden. Spielervermittler oder Vereinsoffizielle, die sich an solchen Aktionen beteiligen, können von der Fifa ebenfalls sanktioniert werden. Sollte ein Klub derzeit mit Marcelinho verhandeln, wäre das ein eindeutiger Verstoß gegen die Verbandsgesetze der Fifa.

So hatte der Weltverband etwa den AS Rom vergangene Saison mit einer Transfersperre belegt, nachdem der Klub den französischen Verteidiger Philippe Mexes verpflichtet hatte, obwohl dieser noch bei AJ Auxerre unter Vertrag stand. Allerdings wurde diese Entscheidung später vom Internationalen Sportgerichtshof CAS aufgehoben. Auch im Transferstreit um den Nigerianer John Obi Mikel zeigten die strengen Fifa-Regeln Wirkung. Die Klubs Lyn Oslo, Manchester United und FC Chelsea einigten sich schnell, nachdem sich die Fifa eingeschaltet hatte und den Beteiligten Sperren drohten. Manchester und Oslo, die sich beide auf einen gültigen Vertrag beriefen, verzichteten und teilten sich die Ablösesumme von 23,6 Millionen Euro.

Hertha hat der Fifa den Fall Marcelinho bereits angezeigt. Doch bis der Verband eine Entscheidung treffen wird, kann es dauern. Bei der Fifa liegen noch rund 800 ähnliche Fälle auf dem Tisch. mit ist

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