Sport : Der ganz normale Held

Außerhalb seines Autos tritt Fernando Alonso schon so souverän auf wie ein Weltmeister, der er in der Formel 1 noch werden muss

Christian Hönicke[Nürburgring]

Eine beliebte Taktik in der Formel 1 ist es, die Tür zuzuschlagen. Michael Schumacher kennt diese Blockademethode gegen überholwillige Gegner gut, er setzt sie seit Jahren erfolgreich in allen erdenklichen Varianten ein. In Imola vor ein paar Wochen musste er erkennen, dass es inzwischen jemanden gibt, der diese Manöver mindestens genauso gut beherrscht wie er. Egal was der heranstürmende Weltmeister auch versuchte, am blau-gelben Auto vor ihm kam er einfach nicht vorbei. Fernando Alonso ist ein Meister des Türzuschlagens – auf und neben der Strecke.

Nach seinem Sieg am Nürburgring hat Alonso 32 WM-Punkte Vorsprung vor dem McLaren-Piloten Kimi Räikkönen und ist auf dem besten Weg, Schumacher als jüngsten Formel-1-Weltmeister aller Zeiten abzulösen. Schumacher war 1994 bei seinem ersten Sieg 25 Jahre alt, Alonso wird Ende Juli 24. Schon deshalb sieht er sich seit einiger Zeit Vergleichen mit dem Deutschen ausgesetzt, und es gibt neben der kompromisslosen Fahrweise weitere Parallelen, die diese Vergleiche rechtfertigen. Fernando Alonso fährt für Renault, mit dessen Vorgänger-Team Benetton Michael Schumacher vor einer Dekade seine ersten beiden WM-Titel gewann. In die Formel 1 geholt wurde er von Flavio Briatore, einst Schumachers Ziehvater.

Doch wo die Person Fernando Alonso beginnt, verschwimmen die Gemeinsamkeiten. Im Gegensatz zum jungen Schumacher sind ihm keine Anzeichen von Unreife anzumerken, schon gar nicht außerhalb des Autos. Alonso tritt mit der beeindruckenden Ruhe eines Weltmeisters auf, der er auf der Strecke erst noch werden muss. „Mein Auto ist in diesem Jahr sehr schnell“, sagt er, „das gibt mir ein sicheres Gefühl.“ Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Den größten Teil seiner beinahe provokanten Selbstsicherheit zieht er aus seiner Biografie. Fernando Alonso ist das, was man als Selfmade-Man bezeichnet. Seine Karriere begann im Alter von drei Jahren in einem selbstgebauten Kart. Weil er keinen Sponsor fand, ließ er sich fast jedes Wochenende vom Vater zu seinen Rennen fahren, wo er sich meist gegen ältere Konkurrenten durchsetzen musste. „Ich war immer der Jüngste“, erzählt er, „vielleicht beeindruckt mich das alles deswegen weniger als es sollte.“

Der Vater bemerkte schon früh das große Talent seines Sohnes – und dass Fernando zwar auf der Strecke recht aggressiv zu Werke geht, aber ansonsten „seine Gefühle nicht besonders zeigt“. Manchmal wirkt Alonso mit seinem Hang zur unterschwelligen Ironie wie ein Junge, der zu schnell erwachsen geworden ist. Von langjährigen Begleitern wird er als intelligenter Mann beschrieben, der seine Gedanken jedoch meist lieber in seinem Kopf behält – er könne äußere Einflüsse abblocken, indem er „die Tür zumache“. Nach seinem ersten Formel-1-Sieg vor zwei Jahren in Ungarn jubelte Alonso ganz allein in der Zentrale seines Renault-Teams. Ruhig, konzentriert und selbstsicher trat er kurz darauf vor die Kameras . Er hatte seinen emotionalen Drehzahlbegrenzer angeworfen. „Ich bin ein ganz normaler Typ“, sagt er, „in der Formel 1 gibt es nicht nur Superhelden.“

Mit jedem weiteren Sieg dürfte es für ihn schwieriger werden, nicht in den Status des Superhelden aufzusteigen. Doch Fernando Alonso ist auf diesen Fall bestens vorbereitet. In seiner Tasche hat er immer ein paar Ohrenstöpsel. Die benutzt er nicht etwa im höllisch lauten Auto, sondern erst, wenn er ausgestiegen ist. So kann er auch im hektischen Fahrerlager ganz einfach die Tür zumachen.

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