Sport : Der gefeierte Wortbruch

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Sven Goldmann über das

System Blatter und seinen neuesten Erfolg

Das „FAZMagazin“ hat Joseph Blatter einmal den „bekanntesten Schweizer nach Wilhelm Tell“ genannt. Dagegen hat der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa prinzipiell nichts einzuwenden, wenn denn das Wörtchen „nach“ temporal gebraucht wird. Was ist schon ein Armbrustschütze aus dem Mittelalter gegen den mächtigsten Sportfunktionär der Neuzeit, den Begründer des Systems Blatter, der bekanntesten Schweizer Einrichtung neben dem Bankgeheimnis. Dieses System fußt darauf, möglichst vielen möglichst viel zu versprechen, ihnen möglichst lange den Glauben an die Erfüllung dieser Versprechen zu geben und die Verantwortung dafür, wenn es doch nicht ganz geklappt hat, anderen zuzuschieben.

Auf diese Weise ist Blatter vor fünf Jahren ins Amt gekommen. Zuvor hatte er den afrikanischen Wahlmännern versprochen, Südafrika mit der Ausrichtung der WM 2006 zu betrauen. Den Zuschlag bekam Deutschland. Blatter sprach ergriffen von einer schweren persönlichen Niederlage – und delegierte die Schuld daran weiter an einen neuseeländischen Funktionär, der beim finalen Votum die falsche Stimmkarte gezogen hatte.

Ähnlich taktierte der Präsident, als im vergangenen Jahr seine Wiederwahl anstand. Die Stimmen des ozeanischen Verbandes sammelte Blatter ein gegen die Zusage eines festen Startplatzes bei der WM 2006. Das wäre zu Lasten der einflussreichen Südamerikaner gegangen, die daraufhin eine Aufstockung des Teilnehmerfeldes auf 36 Länder durchpeitschen wollten. Bei der Entscheidung der Fifa-Exekutive gestern in Paris gelang Blatter ein taktisches Glanzstück: Erst ließ er den südamerikanischen Antrag durchfallen – und kurz darauf sein Wahlgeschenk an die Ozeanier kassieren. Es bleibt, wie es vor Blatters Wiederwahl war: Der Ozeanien-Sieger spielt gegen den Fünften der Südamerika-Gruppe um ein WM-Ticket, was bisher immer eine einseitige Angelegenheit zugunsten der Südamerikaner war.

Blatter hat sein Wort gebrochen und steht doch glänzend da: bei den Südamerikanern, die trotz der Abstimmungsniederlage den Status der vergangenen Jahre und damit ihr Gesicht wahrten. Und beim Rest der Welt, der wie WM-Gastgeber Deutschland die organisatorischen Tücken einer 36er WM gefürchtet hatte. Bleibt der Ärger mit Ozeanien, aber mit Flüchen von den Fidschis und Papua-Neuguinea wird sich das System Blatter wohl arrangieren.

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